
Bentley bereitet einen der größten Umbrüche seiner mehr als hundertjährigen Geschichte vor. Mit dem Torcal bringt die britische Luxusmarke ihr erstes vollelektrisches Serienmodell auf den Markt. Der rund fünf Meter lange Luxus-SUV soll jedoch keineswegs nur ein besonders leiser Bentley werden: Das Unternehmen kündigt ihn zugleich als leistungsstärkstes und am schnellsten beschleunigendes Straßenfahrzeug der eigenen Geschichte an.
Die vollständige Präsentation ist für den 23. September 2026 geplant. Erste technische Details und Mitfahrten in noch getarnten Prototypen zeigen aber bereits, in welche Richtung Bentley geht.
Keine elektrische Version des Bentayga
Der Torcal wird nicht einfach ein Bentayga mit Elektroantrieb. Bentley führt das Fahrzeug als eigenständige vierte Modellreihe neben Continental GT, Flying Spur und Bentayga ein. Mit einer Länge von ungefähr fünf Metern fällt es etwa zwölf Zentimeter kürzer aus als der Bentayga und soll innerhalb des Modellprogramms unterhalb des großen Luxus-SUV positioniert werden.
Trotz der kompakteren Außenmaße soll das Platzangebot ungefähr dem des Bentayga entsprechen. Möglich wird das durch die Elektroplattform mit flachem Unterboden und einem langen Radstand. Vorgesehen sind fünf Sitzplätze.
Technisch basiert der Torcal auf derselben Plattform wie der elektrische Porsche Cayenne. Bentley betont allerdings, dass Fahrwerk, Lenkung, Antrieb, Innenraum und Fahrzeugcharakter eigenständig entwickelt und abgestimmt werden. Rund 60 Prototypen sollen derzeit unter unterschiedlichen Klima- und Straßenbedingungen erprobt werden.
Mehr als 850 PS und Allradantrieb
Bentley hat noch nicht alle endgültigen Leistungsdaten veröffentlicht. Nach den bisher bekannt gewordenen Informationen soll der Torcal jedoch mindestens rund 850 PS beziehungsweise etwa 625 kW erreichen. Das maximale Drehmoment dürfte bei ungefähr 1.000 Newtonmetern liegen.
Damit würde das Elektro-SUV selbst den aktuellen Continental GT Speed übertreffen. Dessen Plug-in-Hybridantrieb leistet 782 PS. Bentley verspricht darüber hinaus, dass der Torcal aus dem Stand schneller beschleunigt als jedes bisherige Serienmodell der Marke. Eine offizielle Zeit für den Sprint von 0 auf 100 km/h nennt der Hersteller bislang allerdings nicht.
Zum Marktstart werden Berichten zufolge mindestens zwei Varianten angeboten. Sowohl der Torcal als auch der stärkere Torcal S sollen zwei Elektromotoren und Allradantrieb erhalten. Die bisher genannten Werte stammen jedoch noch aus der laufenden Entwicklungsphase und können sich bis zur endgültigen Homologation ändern.
Rund 600 Kilometer Reichweite und bis zu 400 kW Ladeleistung
Als Energiespeicher wird eine Batterie mit ungefähr 108 kWh Kapazität erwartet. Bentley peilt nach den bisherigen Angaben eine WLTP-Reichweite von bis zu 600 Kilometern an. Damit würde sich der Torcal auf dem Niveau anderer großer elektrischer Premium-SUV bewegen.
Besonders interessant ist die Ladeleistung. Dank seiner 800-Volt-Architektur soll das Fahrzeug an einer geeigneten Schnellladesäule mit bis zu 400 kW laden können. Unter optimalen Bedingungen könnte der Ladevorgang von zehn auf 80 Prozent weniger als 20 Minuten dauern.
Entscheidend wird jedoch nicht allein der kurzfristige Spitzenwert sein. Für den Alltag zählt vor allem, wie lange der Torcal eine hohe Ladeleistung halten kann und wie zuverlässig die Batterie vor einem Ladestopp vorkonditioniert wird. Offizielle Angaben zu Verbrauch, Reichweite und Ladezeit stehen zudem weiterhin unter dem Vorbehalt der europäischen Typgenehmigung. Auch Bentley selbst weist darauf hin, dass die endgültigen EU-Werte noch nicht vorliegen.
Komfort des Flying Spur, Dynamik des Continental GT
Bentley möchte mit dem Torcal den Komfort einer Luxuslimousine mit der Fahrdynamik eines Grand Tourers verbinden. Zum Einsatz kommt eine aktive Luftfederung, die ohne klassische mechanische Stabilisatoren auskommen soll. Das System kann Wankbewegungen in Kurven begrenzen und gleichzeitig Unebenheiten möglichst weich ausgleichen.
Der Hersteller beschreibt den angestrebten Charakter als Verbindung aus dem Fahrkomfort des Flying Spur und der Präzision des Continental GT. Das dürfte angesichts der großen Batterie und des entsprechend hohen Fahrzeuggewichts eine der wichtigsten Entwicklungsaufgaben sein.
Optional sollen Carbon-Keramik-Bremsen erhältlich sein. Geplant sind außerdem Räder mit 21 oder 22 Zoll Durchmesser. Trotz hoher Motorleistung soll der Torcal jedoch kein kompromissloses Performance-SUV werden, sondern vor allem ein langstreckentauglicher elektrischer Gran Turismo.
Eigene Klangwelt statt künstlichem Verbrennermotor
Eine besondere Rolle spielt der Sound. Bentley nennt das System „Dynamic Symphony“. Dabei soll nicht einfach der Klang eines früheren V8-Motors über Lautsprecher abgespielt werden. Stattdessen entwickelte die Marke gemeinsam mit Musikern und Klangdesignern eine eigene akustische Begleitung, deren Rhythmus von historischen Bentley-Motoren inspiriert wurde.
Die Klangkulisse reagiert auf Beschleunigung und Verzögerung, wird bei gleichmäßiger Fahrt dezenter und lässt sich vom Fahrer verändern oder abschalten. Damit versucht Bentley, einen Teil der emotionalen Rückmeldung eines Verbrenners in das Elektrozeitalter zu übertragen, ohne einen klassischen Motor vollständig zu imitieren.
Im Innenraum soll zudem der sogenannte „Curation Engine“ zum Einsatz kommen. Über einen zentralen Drehregler können verschiedene Kombinationen aus Beleuchtung, Klimatisierung, Luftqualität und Klang ausgewählt werden. Ein gebogenes Zentraldisplay ergänzt die weiterhin vorhandenen physischen Bedienelemente.
Der Name stammt aus Andalusien
Die Bezeichnung Torcal verweist auf die Felslandschaft El Torcal de Antequera in Andalusien. Gleichzeitig erinnert der Name an das englische Wort „torque“, also Drehmoment. Damit verbindet Bentley nach eigener Darstellung Natur, Kraft und die unmittelbare Leistungsentfaltung eines Elektroantriebs.
Der Produktionsname zeigt auch, dass Bentley das Fahrzeug nicht nur als technisches Experiment betrachtet. Der Torcal soll dauerhaft Teil des Modellprogramms werden und die elektrische Neuausrichtung der Marke einleiten.
Marktstart für 2027 geplant
Nach der vollständigen Vorstellung am 23. September sollen Bestellmöglichkeiten, Ausstattungen und wahrscheinlich auch erste Preisangaben folgen. Die Auslieferungen werden nach derzeitiger Planung im Frühjahr 2027 beginnen.
Wie viel der Torcal in Deutschland kosten wird, ist noch nicht bekannt. Bentley hat lediglich angedeutet, dass das Modell unterhalb des Bentayga positioniert werden soll. Aufgrund der hohen Leistung und der umfangreichen Individualisierungsmöglichkeiten dürfte der tatsächliche Einstiegspreis dennoch deutlich im sechsstelligen Bereich liegen.
Unsere Einordnung
Der Schritt zum Elektroauto passt besser zu Bentley, als es zunächst erscheinen mag. Ein leiser Antrieb, unmittelbares Drehmoment und vibrationsfreies Fahren harmonieren grundsätzlich mit dem Anspruch einer Luxusmarke. Der Torcal muss daher keinen Verbrenner nachahmen, um als echter Bentley wahrgenommen zu werden.
Die bisher genannten 600 Kilometer Reichweite und 400 kW Ladeleistung sind konkurrenzfähig. Bis zum Marktstart 2027 werden solche Werte im oberen Preissegment allerdings keine Ausnahme mehr sein. Entscheidend werden deshalb Effizienz, Ladekurve, Fahrkomfort, Verarbeitungsqualität und die Fähigkeit sein, das hohe Gewicht überzeugend zu kaschieren.
Bentley entscheidet sich beim ersten Elektroauto bewusst gegen einen vorsichtigen Einstieg. Der Torcal soll sofort das stärkste Modell der Unternehmensgeschichte werden. Ob daraus auch ein überzeugender elektrischer Grand Tourer entsteht, werden die endgültigen technischen Daten und erste unabhängige Fahrtests nach der Premiere zeigen.
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