
Bislang musste der Mensch Teslas FSD (Supervised) überwachen. Mit der neuesten Softwareversion kann nun auch FSD den Menschen überwachen – und bei einer drohenden Kollision sogar selbst die Fahrzeugkontrolle übernehmen. Gleichzeitig macht Tesla bei der europäischen Zulassung weitere Fortschritte: Slowenien ist inzwischen das sechste EU-Land, das FSD (Supervised) auf seinen Straßen erlaubt. Für Deutschland könnte vor allem der Oktober entscheidend werden.
Normalerweise ist die Rollenverteilung bei Teslas Full Self-Driving klar: Das Fahrzeug übernimmt einen großen Teil der Fahraufgaben, doch der Mensch bleibt verantwortlich und muss das System jederzeit überwachen. Mit FSD-Version 14.3.9 bekommt dieses Prinzip nun eine interessante zweite Richtung.
Tesla führt eine Funktion zur automatischen Kollisionsvermeidung ein, die auch dann aktiv werden kann, wenn der Fahrer das Fahrzeug gerade selbst steuert. Erkennt das Fahrzeug eine gefährliche Situation, kann FSD (Supervised) eigenständig aktiviert werden, die Kontrolle übernehmen und versuchen, den Unfall zu verhindern.
Damit entwickelt sich FSD zumindest teilweise von einem reinen Fahrassistenten zu einem zusätzlichen aktiven Sicherheitssystem.
Wenn Bremsen allein nicht mehr reicht
Besonders interessant ist das erste von Tesla genannte Einsatzszenario. Droht während einer manuellen Fahrt ein Frontalzusammenstoß und kommt das Fahrzeug zu dem Schluss, dass eine reine Notbremsung möglicherweise nicht ausreicht, kann das FSD-System eingreifen.
Der entscheidende Unterschied zu klassischen Assistenzsystemen liegt dabei im möglichen Umfang des Eingriffs. Eine automatische Notbremsung versucht in erster Linie, Geschwindigkeit abzubauen oder eine Kollision durch Bremsen zu verhindern. FSD verfügt dagegen grundsätzlich über Funktionen zur kombinierten Längs- und Querführung des Fahrzeugs.
Das System kann also nicht nur bremsen, sondern auch lenken und anschließend die Fahrt weiterführen.
In den Release Notes zu FSD 14.3.9 beschreibt Tesla die Funktion als „Automatic Collision Evasion“. Sie kann während einer manuellen Fahrt unter anderem dann aktiv werden, wenn eine Frontalkollision unmittelbar bevorsteht und Bremsen allein möglicherweise nicht ausreicht.
Auch Ablenkung des Fahrers kann FSD aktivieren
Der zweite Anwendungsfall ist mindestens genauso spannend.
Tesla nutzt bereits seit längerer Zeit die Innenraumkamera zur Fahrerüberwachung. Während FSD aktiviert ist, soll sie erkennen, ob die Person hinter dem Steuer weiterhin aufmerksam auf den Straßenverkehr achtet.
Mit der neuen Funktion kann diese Überwachung nun offenbar auch dazu beitragen, FSD selbst zum Eingreifen zu bewegen. Erkennt das Fahrzeug beispielsweise, dass der Fahrer deutlich vom Verkehrsgeschehen abgelenkt ist – Tesla nennt als Beispiel das Greifen nach einem Gegenstand auf der Rückbank – kann das System aktiv werden.
Auch eine möglicherweise unbeabsichtigte Deaktivierung von FSD kann einen solchen Eingriff auslösen.
Aus „Der Fahrer überwacht FSD“ wird damit zumindest in bestimmten Situationen tatsächlich auch „FSD überwacht den Fahrer“.
Keine autonome Fahrfunktion
So spektakulär das klingt: Aus einem Tesla wird dadurch noch kein vollständig autonom fahrendes Auto.
Tesla bezeichnet das System inzwischen ausdrücklich als Full Self-Driving (Supervised) beziehungsweise in Deutschland als Voll-Selbstständiges Fahren (Überwacht). Das Unternehmen weist selbst darauf hin, dass die derzeit angebotenen Funktionen die Fahrzeuge nicht autonom machen und eine aktive Überwachung durch den Fahrer erforderlich bleibt.
Der Fahrer muss also weiterhin jederzeit bereit sein, die Kontrolle zu übernehmen.
Gerade die Leistungsfähigkeit moderner Assistenzsysteme macht diese Abgrenzung zunehmend wichtig. Wenn ein Fahrzeug über lange Strecken selbstständig lenkt, beschleunigt, bremst, Spurwechsel durchführt, Kreuzungen passiert und einer Navigationsroute folgt, kann leicht der Eindruck entstehen, dass der Mensch kaum noch benötigt wird.
Rechtlich und technisch bleibt FSD (Supervised) jedoch ein Fahrerassistenzsystem.
Die neue Kollisionsvermeidung ist deshalb besonders interessant: Tesla nutzt die Fähigkeiten seines automatisierten Fahrsystems nun nicht nur dafür, dem Fahrer möglichst viel Arbeit abzunehmen, sondern auch als zusätzliche Sicherheitsreserve für Situationen, in denen der Mensch selbst fährt.
FSD 14.3.9 bringt weitere Verbesserungen
Neben der automatischen Kollisionsvermeidung hat Tesla FSD 14.3.9 an zahlreichen weiteren Stellen überarbeitet.
Unter anderem wurde das Training des neuronalen Netzes weiterentwickelt und die visuelle Erkennung verbessert. Das System soll dadurch seltene Situationen und schlechte Sichtverhältnisse besser verstehen sowie die räumliche Umgebung und Verkehrszeichen präziser interpretieren.
Tesla nennt darüber hinaus Verbesserungen beim Verhalten gegenüber Einsatzfahrzeugen, ungewöhnlichen Objekten, komplexen Ampelanlagen und beim Einparken. Auch temporäre Systembeeinträchtigungen sollen besser abgefangen werden.
Die langfristig vielleicht bedeutendste Entwicklung bleibt jedoch die zunehmende Verzahnung von FSD mit den klassischen Sicherheitssystemen des Fahrzeugs.
Slowenien wird sechstes FSD-Land in der EU
Parallel zur technischen Weiterentwicklung bewegt sich auch bei der europäischen Zulassung einiges.
Am 8. September hat Slowenien die vorläufige europäische Typgenehmigung von FSD (Supervised) anerkannt. Damit darf das System unter den entsprechenden Bedingungen nun auch dort eingesetzt werden.
Slowenien ist damit nach den Niederlanden, Dänemark, Belgien, Estland und Litauen das sechste EU-Land mit einer entsprechenden Genehmigung.
Ausgangspunkt war die niederländische Genehmigungsbehörde RDW. Sie hatte bereits am 10. April 2026 eine vorläufige europäische Typgenehmigung für FSD (Supervised) erteilt. Andere Mitgliedstaaten können diese Genehmigung im Rahmen des europäischen Verfahrens auf ihrem eigenen Staatsgebiet anerkennen.
Deutschland gehört bislang nicht dazu.
Tesla erhöht vor möglicher EU-Entscheidung den Druck
Tesla versucht unterdessen, die Argumente für eine europaweite Freigabe mit umfangreichen Sicherheitsdaten zu untermauern.
Das Unternehmen hat dafür ein öffentlich zugängliches FSD Evidence Dashboard veröffentlicht. Darin stellt Tesla Daten und Untersuchungen zur Verfügung, die auch Bestandteil des Genehmigungsverfahrens waren.
Unter anderem vergleicht Tesla dort manuell gefahrene Fahrzeuge mit Fahrzeugen, bei denen FSD (Supervised) aktiv war. Das Unternehmen berichtet beispielsweise von deutlich geringeren Raten bestimmter kritischer Fahrsituationen und Notbremseingriffe bei aktivem FSD.
Allerdings sollte man diese Zahlen entsprechend einordnen: Es handelt sich um von Tesla bereitgestellte und ausgewertete Daten, die das Unternehmen als Beleg für die Sicherheit seines eigenen Systems in das Genehmigungsverfahren eingebracht hat. Sie sind daher nicht mit einer vollständig unabhängigen Langzeitstudie gleichzusetzen.
Tesla selbst spricht auf Basis von rund 100 Millionen Kilometern auf europäischen Straßen davon, dass Fahrzeuge mit FSD (Supervised) deutlich seltener in Unfälle verwickelt seien als manuell gefahrene Tesla. Das Dashboard soll den europäischen Behörden nun einen detaillierteren Einblick in die zugrunde liegenden Daten ermöglichen.
Wird der 6. Oktober zum entscheidenden Termin?
Besonders interessant für deutsche Tesla-Fahrer ist der Blick auf die nächsten Wochen.
Tesla nennt den 6. Oktober 2026 als möglichen Termin für eine Abstimmung über eine breitere europäische Genehmigung von FSD (Supervised). Bis dahin versucht der Hersteller offensichtlich, weitere EU-Staaten von seinem System und den dazu vorgelegten Sicherheitsnachweisen zu überzeugen.
Eine europaweite Zustimmung könnte den Weg für FSD in weiteren Ländern – und damit perspektivisch auch in Deutschland – erheblich vereinfachen.
Von einer bereits sicheren Einführung sollte man allerdings noch nicht sprechen. Auch Tesla selbst bezeichnet den Termin ausdrücklich als mögliche Abstimmung. Zudem laufen in einzelnen Ländern weitere Prüfungen. Frankreich beispielsweise hat Anfang September eigene Tests auf öffentlichen Straßen gestartet.
Aus Fahrassistenz wird zunehmend aktive Unfallvermeidung
Unabhängig von der europäischen Zulassungsfrage zeigt FSD 14.3.9, wohin Tesla sein System entwickeln möchte.
Die interessanteste Entwicklung ist dabei möglicherweise gar nicht, wie viele Kilometer ein Tesla künftig ohne Eingriff des Fahrers zurücklegen kann.
Viel bedeutender könnte langfristig sein, dass das neuronale Netz permanent eine alternative Fahrlösung berechnet – selbst wenn der Mensch gerade am Steuer sitzt. Macht der Fahrer einen Fehler oder erkennt eine Gefahr zu spät, könnte das System im entscheidenden Moment eingreifen.
Damit würde sich die Rolle automatisierter Fahrfunktionen grundlegend verändern: vom Komfortsystem, das dem Menschen das Fahren abnimmt, hin zu einem elektronischen Sicherheitsnetz, das auch dann mitdenkt, wenn der Mensch selbst fährt.
Ausgerechnet FSD (Supervised) könnte damit eine neue Bedeutung des Wortes „Supervised“ bekommen: Nicht mehr nur der Mensch überwacht die Maschine – zunehmend überwacht auch die Maschine den Menschen.
Quelle(n) : https://www.electrive.net/2026/09/09/fsd-unfaelle-manuelle-steuerung/
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