

Satire der Woche
Vier Ringe, vier Milliarden Dollar und eine Haltung mit Abschaltautomatik: Nach dem Auftritt von Audi-Chef Gernot Döllner auf Donald Trumps Wahlkampfbühne bekommt die deutsche Ingenieurskunst ein neues Betätigungsfeld. Endlich lassen sich auch Unternehmensgrundsätze an die Marktbedingungen anpassen.
Es gibt Orte, an denen ein Konzern seine politische Neutralität besonders überzeugend demonstrieren kann. Eine Wahlkampfbühne von Donald Trump, wenige Tage vor den amerikanischen Zwischenwahlen, ist offenbar die Premiumvariante.
Am 24. Oktober trat Audi-Chef Gernot Döllner in Perry im US-Bundesstaat Georgia an Trumps Seite auf. Dort wurden die Pläne für Audis erstes eigenes US-Werk präsentiert. Audi nennt rund vier Milliarden Dollar Investition, etwa 4.500 Arbeitsplätze und eine geplante Jahreskapazität von 200.000 Fahrzeugen. Für Trump gab es dazu ein deutsches Spitzenmodell: einen Vorstandsvorsitzenden als Wahlkampfkulisse.
In der für diese Satire eröffneten Abteilung für flexible Unternehmensgrundsätze wird deshalb bereits an einer Weltneuheit gearbeitet: dem „Neutralitätsassistenten pro“.
Das System erkennt politische Risiken, gleicht sie mit den Absatzchancen ab und klappt die Haltung bei Bedarf automatisch ein. Ähnlich wie ein Außenspiegel, nur mit größerem Reputationsschaden.
Auf dem Display erscheint dann:
„Politische Neutralität derzeit nicht verfügbar. Bitte versuchen Sie es nach Abschluss der Verhandlungen erneut.“
Die Bedienung erfolgt berührungslos. Ein amerikanischer Präsident muss lediglich „Tariffs“ sagen, schon wechselt das Fahrzeug vom Fahrmodus „Werte“ in den Fahrmodus „Wird schon irgendwie gehen“.
Besonders überzeugend ist die Integration in Audis bestehende Unternehmenssoftware. In der tatsächlichen Wertebroschüre bekennt sich der Konzern zu politischen Neutralitätsregeln: In den letzten drei Monaten vor Wahlen sollen öffentlich wirksame Termine mit zur Wahl stehenden Parteien oder Politikern unterbleiben. Auf Seite 7 verspricht Audi außerdem, seine Prinzipien „unabhängig von zeitlichem, ökonomischem oder sozialem Druck“ zu vertreten.
Ein anspruchsvoller Satz. Man muss ihn unter normalen Bedingungen auch erst einmal schreiben können.
Beim Neutralitätsassistenten pro wird die Regel nun um eine komfortable Funktion erweitert: Sobald sie den Vorstand selbst betrifft, scrollt das Dokument automatisch zur nächsten Seite. Für Beschäftigte bleibt die Lesebestätigung selbstverständlich verpflichtend.
Döllner begründete seinen Auftritt unter anderem damit, dass der Respekt vor dem Amt gebiete, einer Einladung des US-Präsidenten zu folgen. Er sprach von einem besonderen Umfeld, in dem er sich habe bewegen müssen.
Das erklärt einiges. Der Mann wollte offenbar nur kurz das Präsidentenamt respektieren und stand plötzlich im Wahlkampf. So etwas kann passieren. Man nimmt die falsche Ausfahrt, folgt einem freundlichen Einweiser und befindet sich zwischen Parteianhängern und einer Milliardenankündigung.
Für solche Fälle sollte das Navigationssystem künftig früher warnen:
„In 200 Metern verlassen Sie Ihre eigenen Grundsätze.“
Bei wiederholtem Ignorieren übernimmt automatisch die Kommunikationsabteilung.
Die wirtschaftliche Ausgangslage ist dabei durchaus ernst: Audis US-Geschäft wird durch Importzölle belastet. Eine Fertigung vor Ort kann helfen, Handelsrisiken zu reduzieren und den amerikanischen Markt besser zu bedienen. Audi selbst begründet das Vorhaben mit seiner langfristigen Wachstumsstrategie.
Für die Wahlkampfbühne ergibt sich daraus ein bemerkenswerter Zusatznutzen. Trump baut die Zollhürde auf, Audi plant Milliardeninvestitionen, und der Präsident bekommt das passende Bild zu seiner Behauptung, der Druck wirke. Döllner bedankte sich auf der Bühne für die Unterstützung.
Das ist Kundenbindung auf höchstem Niveau: Derjenige, der den Geschäftsbetrieb verteuert, wird zum Ehrengast der Lösung.
In der nächsten Ausbaustufe des fiktiven Assistenzsystems lässt sich deshalb auch Dankbarkeit konfigurieren. „Herzlichen Dank für die schwierigen Rahmenbedingungen“ wird automatisch in „Wir freuen uns über Ihre Unterstützung“ übersetzt. Das spart Zeit und verhindert unangenehme Rückfragen während des Händeschüttelns.
Immerhin bleibt bei dem Werk noch ein kleiner organisatorischer Punkt offen: Nach dem aktuellen Stand muss die Investition abschließend von den zuständigen Gremien gebilligt werden. IG-Metall-Chefin und VW-Aufsichtsrätin Christiane Benner verwies ausdrücklich auf das finale Votum des Volkswagen-Aufsichtsrats.
Die Reihenfolge ist effizient: erst die Bilder, dann die Beschlüsse. Während ein Mitarbeiter für einen neuen Bürostuhl noch drei Angebote einholt, kann eine milliardenschwere Fabrik schon einmal ihren ersten Wahlkampfauftritt absolvieren.
Der Aufsichtsrat darf anschließend prüfen, ob sich die Realität dem Bühnenprogramm anschließen möchte.
Für Beschäftigte, die den Vorgang mit der Wertebroschüre in der Hand verfolgen, bietet die fiktive Konzernakademie bereits ein ergänzendes Lernmodul an. Es trägt den Titel „Haltung zeigen bei eingeschränkter Bewegungsfreiheit“ und endet mit einer praxisnahen Prüfungsfrage:
„Ein wichtiger Geschäftspartner lädt Sie zu einer parteipolitischen Veranstaltung ein. Was tun Sie?“
Antwort A: die eigenen Richtlinien beachten.
Antwort B: die Einladung ablehnen.
Antwort C: Vorstandsvorsitzender sein.
Nur eine Antwort führt direkt zur nächsten Karrierestufe.
Bis zur Serienreife des Neutralitätsassistenten pro bleibt Audi vorerst beim bewährten Verfahren: Die Grundsätze stehen im PDF, der Chef steht auf der Bühne, und die Kommunikationsabteilung darf erklären, wie hervorragend beides zusammenpasst.
Die vier Ringe bleiben selbstverständlich erhalten.
Vorsprung durch Technik. Rückgrat auf Anfrage.
Dieser Beitrag ist Satire. Der „Neutralitätsassistent pro“, seine Funktionen sowie die beschriebenen internen Szenen und Schulungen sind erfunden. Der Bühnenauftritt, die Investitionspläne, die Unternehmensrichtlinien und die als tatsächlich berichteten Äußerungen bilden den belegten Anlass.

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Aus dem Inhalt:
- COMMUNITY – Auf dem Laufenden bleiben
- TESLA – Neues aus der Tesla Welt
- TESLA – Eins von 250 Fahrzeugen
- TESLA – Die Model-S-Varianten in der chronologischen Übersicht
- TESLA – Vom E-Auto zum nachhaltigen Wohlstand
- Herausgeber – TFF – Aktuelle Veranstaltungen
- Herausgeber – TOS – Reisebericht Alpenpässe
- elektrische COMMUNITY – Das Programm
- ENERGIE – Zu viel Wind- & Sonnenstrom – aber nicht mehr lange
- STROMBOCK – Warum brauchen E-Autos trotzdem ein Kühlsystem
- GESELLSCHAFT – Das bessere Leben in der Zukunft
- E-MOBILITÄT – Prof. Fichtner zeigt Vorteile der Batterietechnik auf
- KLIMASCHUTZ – Der Kampf mit der Hitze
- WIRTSCHAFT – Warum ein Weg zurück meistens ein Holzweg ist
- WIRTSCHAFT – Zwei Fabriken, zwei Welten
- FANBOY – Verwaltet, geprüft, abgehängt



