Interview zu den Beweggründe für das Manifest zur zukunftsfähigen Transformation Deutschlands

Michael Selent, KI-Experte in der Redaktion des T&Emagazins sprach mit dessen Verleger Timo Schadt, der vergangene Woche eine Petition für eine zukunftsorientierte Transformation Deutschlands angestoßen hat.

Der 58-jährige Schadt ist auch Veranstalter des Events elektrische COMMUNITY und seit Jahrzehnten als politischer Sachbuchautor und Fachjournalist tätig. Er ist zudem Vorstand des gemeinnützigen Fördervereins Kultur und Umweltbildung e.V., der die Petition realisiert hat.

 

MS: Seit letztem Freitag ist eine Petition zum zukunftsfähigen Deutschland online. Warum hast Du diese veröffentlicht?

TS: Seit Jahren beobachten wir, wie in Deutschland Stimmung gemacht wird. Stimmung gegen E-Mobilität, gegen erneuerbare Energien und wenn man so will fortschrittliche Ansätze im Allgemeinen.

Das fällt mir als Teil der Tesla-Bubble besonders bei der Auseinandersetzung mit Tesla auf.

Falschmeldungen und Fehlinterpretationen sind hier die Regel und nicht die Ausnahme. Wir haben uns überlegt hier mal selbst laut zu werden und ein Manifest formuliert, um im öffentlichen Diskurs einen konstruktiven Beitrag abzuliefern.

Das Manifest ist ein Plädoyer für ein Abwenden vom fossilen Zeitalter und für Offenheit gegenüber technologischer Neuerungen. Wenn heute von “Technologieoffenheit” gesprochen wird, dann meinen viele eine Verwässerung eigentlich alternativloser Wege. Um auch in Deutschland wettbewerbsfähig zu sein, ist eine klare Ausrichtung gefragt, die an tatsächlichen ökologischen und technologischen Entwicklungen ausgerichtet ist und nicht länger an kurzfristigen Rendite-Interessen.

Wir wollen Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft umstimmen, aber auch den öffentlichen Diskurs verändern. 

 

MS: Aufhänger ist für euch eine mögliche Erweiterung der Tesla Gigafactory in Grünheide bei Berlin. Warum ausgerechnet dieses in Deutschland umstrittene Unternehmen?

TS: Elon Musk hat hier unlängst angedeutet, dass nach seinen Vorstellungen die Gigafactory in Grünheide zum größten europäischen Industriekomplex ausgebaut werden könnte. Das könnte die Region und wenn man möchte, ganz Deutschland mit zahlreichen neuen Arbeitsplätzen und technologischen Impulsen versorgen. Auch im Hinblick auf die Zulieferindustrie…

Der Standort ist bereits heute Fertigungsstätte des erfolgreichsten Autos unserer Zeit, dem Model Y. Nach der Ankündigung könnten hier zudem fortschrittliche Batterien, humanoider Roboter, vollelektrische Lastkraftwagen und Robo-Taxis gebaut werden.

Die politischen Entscheidungsträger sollten diese Chance erkennen und solche Vorhaben unterstützen. Schon heute ist der Standort Grünheide als größter Arbeitgeber der Region ein Hoffnungsträger für die – aus meiner Sicht – im Untergang befindliche deutsche Automobilindustrie. Doch könnte hier weit Größeres entstehen.

Wesentliche Teile der Politik und auch die heutige Bundesregierung scheinen nicht zu realisieren, dass Beschlüsse wie die Rücknahme des Verbrennerverbots und der Abkehr von Öl- und Gasheizungen in die vollkommen falsche Richtung weisen und das Festhalten am Status Quo keine Lösung für die globalen ökonomischen Herausforderungen da stellt.

 

MS: Doch noch mal: Warum macht ihr ausgerechnet am Beispiel eines amerikanischen Automobilherstellers das vermeintliche Scheitern deutscher Wirtschaftspolitik fest? Wäre nicht sinnvoller deutsche Autohersteller zu unterstützen?

TS: Es ist insofern ein passendes Beispiel, als dass hier ein Unternehmen vorhat, nicht nur mit der Zeit zu gehen, sondern ganz konkret in Zukunftstechnologie groß zu investieren, in Deutschland.

Klassische Hersteller haben zwar weiterhin ihren Firmensitz in Deutschland, fertigen aber verstärkt anderenorts.

Doch geht es hier nicht mal nur um E-Autos. Es geht um Fernlastverkehr, autonomes Fahren, um Robotik, Energieeffizienz und Künstliche Intelligenz.

Die deutsche Automobilindustrie war im Motoren-Segment mal Vorreiter. Doch haben sich die Konzerne vor allem im letzten Jahrzehnt alles andere als mit Ruhm bekleckert. Insbesondere durch angebliche „Technologieoffenheit“ wurde der Anschluss gegenüber China und den USA weitestgehend verloren. Selbst mit modernsten Verbrenner-Motoren kann die deutsche Automobilindustrie nicht bei den globalen Entwicklungen hin zur E-Mobilität Schritt halten. Weltweit – vor allem in Nordeuropa und Fernost – kann man sehen, wo die Reise tatsächlich hingeht. Themen sind nun aber vor allem das autonome Fahren, der Einsatz von KI und fortschrittliche Batterietechnik. Wo stehen da die Deutschen?

 

MS: Tesla ist hierzulande aber regelrecht verpönt. Nach Deiner dem Manifest zu Grunde liegenden Theorie wird das Vorhaben einer Erweiterung des Werks in Grünheide also eher Widerstand als Unterstützung auslösen, richtig?

TS: Ja genau. Wir haben in Deutschland ganz offensichtlich Angst vor der Zukunft und wir haben Angst vor Elon Musk.

 

MS: Die ist ja auch berechtigt. Der Tesla CEO hat auf den ersten Blick all das, was einen Bond-Bösewicht ausmacht. Geld, Macht und er hat ein politisch hochgradig elitäres Weltbild. Er unterstützt rechtsextreme Parteien…

TS: Dem kann ich nicht widersprechen. Faktisch positioniert sich die Person Elon Musk auf rechten Abwegen und um es mal klar zu sagen: Er hat von deutscher Politik ganz offensichtlich keinen Plan und sich leider falsch positioniert.

Die in wesentlichen Teilen gesichert rechtsextreme AfD als einzige Chance für Deutschland zu titulieren war für uns eine Hauptmotivation das Manifest zu verfassen.

Doch nicht rückwärtsgewandte und fortschrittsfeindliche Gruppen können eine Chance für Deutschland bieten. Die AfD setzt von Moskau ferngesteuert weiterhin auf fossile Energie wie russisches Gas und auf Öl aus Schurkenstaaten. Das tut sie, trotz der weltpolitischen Lage und für alle spürbarer Ressourcenknappheit. Die zerstrittene, auf persönliche Bereicherung und Vetternwirtschaft ausgerichtete Partei tritt nicht für Zukunfts-Technologie bei Energie und Mobilität ein. Tesla verfolgt einen vollkommen anderen Ansatz. Das scheint Elon nicht verstanden zu haben.

Doch Elon Musk und seinen Unternehmen sind nun mal an so vielen Schlüsseltechnologien beteiligt, dass man das nicht ignorieren kann. Tesla ist auf dem richtigen Kurs und mehr als sein umstrittener CEO. Es gilt also kritisch konstruktiv darauf einzuwirken. Opposition zu solchen Vorhaben bringt niemandem etwas, bestenfalls den Falschen.  

Definitiv kann man nicht die Deutungshoheit für die Zukunft Deutschlands Öl- und Gaslobbisten und schon gar nicht Rechtsextremen überlassen.

 

MS: Wer steckt eigentlich hinter dem Manifest?

TS: Im Rahmen des elektrische COMMUNITY Events im September 2025 ist eine ehrenamtliche Gruppe entstanden mit gut 50 Helfer:innen entstanden, die die Veranstaltung erst möglich gemacht haben. Der Förderverein Kultur und Umweltbildung e.V. hat für die Gruppe einen rechtlichen Rahmen geschaffen. Aus diesem Kreis heraus entstand die Initiative für das Manifest.

Persönlichkeiten wie Alex Voigt, Jörg Heynkes und Dr. Mario Herger unterstützen es…

 

MS: Wie kommt das Manifest an?

TS: Ich kann schon mal sagen: Erwartungsgemäß sind nicht alle davon begeistert. Unsere Socialmedia-Aktivitäten haben viele kritische Stimmen offenbart. Elon Musk und Tesla sind selbst in Teilen der E-Mobilitäts-Szene verrufen. Das liegt nicht nur an schlechter Presse sondern auch an Elons zuweilen skurrilen Äußerungen.

Erst seit letztem Freitag ist das Manifest öffentlich auf der Petitionsplattform openPetiton. Für eine Bilanz ist es also noch zu früh. Wir haben für ein Quorum in Deutschland mit dem Adressat Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags 30.000 Unterschriften zu erreichen. Davon haben wir zurzeit nicht mal 1 Prozent geschafft. Doch das Wichtigste ist, dass darüber gesprochen wird.

Ich bin mir sicher, dass der Dialog über eine zukunftsfähige Transformation auch und gerade am Beispiel des möglichen Ausbaus der Tesla Gigafactory erst begonnen hat. Wir können da nur gewinnen.

Auf X habe ich Elon Musk direkt angesprochen, das haben inzwischen mehr als 11.300 Menschen gesehen. Ich hoffe, er reagiert auf unsere Initiative positiv und erkennt auch, dass die AfD das falsche Pferd ist, auf das er in Deutschland gesetzt hat.

Die Petition auf der Basis des Manifests ist hier veröffentlicht und kann ab sofort unterzeichnet werden:

https://www.openpetition.de/petition/online/manifest-zur-zukunftsorientierten-transformation-deutschlands-zum-ausbau-der-tesla-gigafactory

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