Die Legende vom erfrorenen Stromer: Eine deutsche Gruselgeschichte… ganz ohne Leiche, dafür mit Messwerten

Satirische Einordnung von Michael Selent

Nicht ganz zur richtigen Jahreszeit, doch eigentlich jederzeit daneben: Es gibt am Stammtisch wenige Geschichten, die so zuverlässig erzählt werden wie diese: „Und dann stehste mit dem E-Auto im Stau, mitten im Winter, und ZACK – Akku leer, Heizung aus, und du sitzt da und erfrierst.” Erzählt wird sie meist von jemandem, der noch nie in einem E-Auto saß, dafür aber genau weiß, wie es dort drinnen endet. Schön gruselig. Nur leider hält die Geschichte dem ersten Faktencheck so gut stand wie ein Schneemann im Hochsommer.

Fangen wir mit der unbequemen Physik an. Was macht ein Auto im Stau? Es steht. Und genau das ist die leichteste Übung, die ein Elektroauto kennt. Bei null km/h verbraucht der Antrieb schlicht – nichts. Es gibt keinen Leerlauf, keine Drehzahl, kein Brennstoff, der verheizt wird, um an Ort und Stelle zu bleiben. Übrig bleibt nur, was die Heizung und ein bisschen Licht ziehen. Und das ist erstaunlich wenig: Im Stand liegt der Stromverbrauch selbst mit eingeschalteter Heizung bei nur rund zwei bis vier Kilowattstunden pro Stunde. Auch so eine Klimaanlage frisst im sommerlichen E-Auto vergleichsweise wenig Strom. Die Klimaanlage in einem E-Auto verbraucht durchschnittlich etwa 1,3 bis 1,5 kWh Energie pro Stundeim Betrieb. Auf 100 Kilometer Fahrtstrecke erhöht sich der Verbrauch meist um ca. 0,5 bis 2 kWh, abhängig von der Außentemperatur und der eingestellten Innentemperatur. 

Aber zurück zur kalten Jahreszeit: Der Teil, bei dem die Gruselgeschichte komplett zusammenbricht – der ADAC hat sie nämlich nachgestellt. Ein Renault Zoe und ein VW e-up wurden bei strengem Frost von -9 bis -14 Grad zwölf Stunden lang abgestellt, Innenraum auf 22 Grad geheizt, Sitzheizung an, Standlicht an. Das Ergebnis nach einer kompletten Eisnacht: Beim Zoe waren rund 70 Prozent, beim e-up rund 80 Prozent des Akkus verbraucht. Hochgerechnet heißt das: Mit dem Zoe hält man unter diesen Extrembedingungen etwa 17 Stunden durch, mit dem kleinen e-up rund 15 Stunden.

Siebzehn Stunden. Bei minus 14 Grad. Mal ehrlich: Vorher gehen einem die Snacks aus, die Geduld, die Themen mit dem Beifahrer und garantiert die Blase. Der Akku ist das Letzte, was in diesem Szenario schlappmacht. Ein zweiter ADAC-Test kommt zum selben Schluss: Selbst ein extremer zehnstündiger Stau kostet nur etwa 15 bis 20 Kilowattstunden – das schaffen die meisten aktuellen E-Autos problemlos, sofern der Akku zu Staubeginn halbwegs geladen ist.

Und damit zur einzigen seriösen Einschränkung, die – Überraschung – für jedes Auto gilt: Man sollte halbwegs voll losfahren. Das ist exakt vergleichbar mit dem Tankfüllstand eines Verbrenners. Komischerweise erzählt niemand die Gruselgeschichte vom Diesel, der mit der Tankanzeige auf Reserve in den Stau fährt und dann – ZACK – auch nicht ewig im Leerlauf heizen kann. Der Unterschied: Der Verbrenner verbrennt im Stau munter weiter Sprit, um sich nicht von der Stelle zu bewegen. Der Stromer steht einfach da und atmet kaum.

Hübsches Detail am Rande: Die Heizungen von Elektroautos arbeiten sogar deutlich effizienter als die von Verbrennern. Der Verbrenner heizt nämlich nur „gratis”, weil er ohnehin den halben Kraftstoff in Abwärme verpulvert. Effizienz sieht anders aus.

Bleibt also festzuhalten: Im Stau geht beim E-Auto vor allem eines kaputt – das Vorurteil. Erfroren ist in einem deutschen Stau noch niemand wegen seines Antriebs. Was tatsächlich zuverlässig stirbt, ist die Laune. Und die geht im Diesel genauso schnell flöten wie im Stromer. Nur teurer.


Und das sind die Themen der 30. Ausgabe:

  • Neues aus der Tesla Welt
  • Die Revolution der Patentstrategie bei Tesla
  • Grünere Energienetze dank Einsatz von KI
  • Die Herausgeber: Elektrische von Paris nach Dakar und zurück
  • Neues zur elektrischen COMMUNITY 2026
  • Strombock: Höhere Benzinpreise, der perfekte Moment für den Umstieg !
  • Unser Manifest und Petition für eine zukunftsorientierte Transformation Deutschlands
  • Reisebericht: Mit Model X & Grok durch Schottland 
  • Die Herausgeber: Tesla Fahrer & Freunde e.V.
  • Besuch im Geothermiekraftwerk
  • Powerwall 3P: Erstmals dreiphasiger Heimspeicher von Tesla
  • Fanboy: Terafab

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.