

Satire-Beitrag
Deutschland macht Ernst mit dem Bürokratieabbau: Die zusätzliche grüne Umweltplakette für Fahrzeuge mit E-Kennzeichen entfällt. Damit dabei niemand versehentlich zu viel Freiheit genießt, präsentiert das Bundesamt für geordnete Bürgerentlastung die Plakettenbefreiungsplakette. Sie bescheinigt amtlich, dass das Fahrzeug keinen Aufkleber benötigt. Und wird selbstverständlich aufgeklebt.
Es ist ein historischer Durchbruch. Nach jahrelanger sorgfältiger Prüfung hat die Verwaltung einen bemerkenswerten Zusammenhang entdeckt: Ein Auto ohne Verbrennungsmotor besitzt häufig auch keinen Auspuff. Und aus einem nicht vorhandenen Auspuff kommen überraschend selten Abgase.
„Diese Erkenntnis eröffnet völlig neue Handlungsspielräume“, erklärt Behördenleiter Dr. Rainer Durchschlag. „Allerdings können wir das Fehlen einer Verpflichtung nicht einfach unkontrolliert im öffentlichen Raum stehen lassen.“
Die bisherige grüne Umweltplakette wird in der neuen Behördenwelt daher durch einen Aufkleber ersetzt, der die Befreiung von der bisherigen grünen Umweltplakette dokumentiert. Er ist ebenfalls grün. Eine andere Farbe hätte eine erneute ressortübergreifende Farbabstimmung erfordert und das Entlastungsprojekt um mindestens zwei Haushaltsjahre verzögert.
Auf der neuen Plakette steht: „Amtlich von der Plakettenpflicht befreit.“
Darunter steht, etwas kleiner: „Nur gültig mit Plakette.“
E-Auto-Fahrer Holger hatte zunächst angenommen, das E am Kennzeichen könne als Nachweis genügen. Schließlich ist dieses Kennzeichen bereits von derselben Verwaltung ausgegeben worden, die jetzt wissen möchte, was für ein Auto er fährt.
Am Schalter wird dieser Irrtum schnell aufgeklärt.
„Das E beschreibt Ihren Antrieb“, erklärt die Sachbearbeiterin. „Die neue Plakette beschreibt Ihren Befreiungszustand. Das sind völlig unterschiedliche Zuständigkeiten.“
Holger fragt, ob man die Informationen nicht zusammenführen könne.
Die Sachbearbeiterin sieht ihn an, als habe er vorgeschlagen, das Rathaus mit einem Gartenschlauch zu digitalisieren.
„Sie möchten also, dass eine bereits vorhandene Information ein zweites Mal verwendet wird?“
Zur Beantragung der Entlastung erhält Holger das Formular PB-0: „Antrag auf Feststellung der Entbehrlichkeit eines bislang erforderlichen Nachweises unter Beifügung eines Nachweises über dessen Entbehrlichkeit.“
Es umfasst vierzehn Seiten. Die Ausfüllhilfe umfasst siebenundvierzig. Eine vereinfachte Fassung ist in Vorbereitung und soll künftig beide Dokumente in einem einzigen, einundsechzigseitigen Bürgerleitfaden bündeln.
Besonders wichtig ist Feld 8b: „Bitte benennen Sie die Auspuffanlage, deren Nichtvorhandensein Sie geltend machen.“
Holger trägt „keine“ ein.
Der Antrag wird als unvollständig zurückgegeben. Ein leeres Feld könne nicht mit dem Wort „keine“ ersetzt werden. Dafür benötige er zunächst die Anlage N: „Erklärung zur Vollständigkeit einer fehlenden Angabe.“
Zusätzlich soll Holger ein Foto des nicht vorhandenen Auspuffs hochladen. Sein Bild der Fahrzeugunterseite wird zurückgewiesen, weil darauf kein Auspuff erkennbar ist.
„Genau darum geht es doch“, sagt Holger.
„Das behaupten Sie“, sagt die Sachbearbeiterin.
Immerhin lässt sich das Verfahren inzwischen vollständig digital beginnen. Das neue Portal „EinfachOhne“ erlaubt es, den Antrag bequem herunterzuladen, auszudrucken, handschriftlich zu unterschreiben und anschließend wieder einzuscannen.
Nach dem Hochladen erhält Holger eine automatisch erzeugte Nachricht: „Vielen Dank. Bitte reichen Sie die digital übermittelten Unterlagen zusätzlich im Original ein.“
Der Upload hat funktioniert. Die Digitalisierung auch. Nur Holger versteht sie noch nicht.
Zur Unterstützung steht ein KI-Assistent bereit. Auf die Frage „Warum brauche ich einen Nachweis dafür, dass ich keinen Nachweis brauche?“ antwortet er innerhalb von drei Sekunden:
„Ihr Anliegen ist uns wichtig.“
Nach weiteren zwei Sekunden ergänzt er:
„Bitte vereinbaren Sie einen Termin.“
Der nächste freie Termin liegt im Februar. Holger wählt ihn aus. Das Portal teilt ihm mit, dass die Frist zur Einreichung seiner Unterlagen im Januar endet.
„So vermeiden wir unnötige Wartezeiten bei der Entscheidung“, erläutert Dr. Durchschlag. „Viele Anträge sind bei der persönlichen Vorsprache bereits erledigt. Meistens durch Ablehnung.“
Die Gebührenstruktur ist erfreulich transparent. Der Bürger spart die bisherige Umweltplakette und zahlt stattdessen 19,90 Euro für die Feststellung seiner Plakettenfreiheit, 8,50 Euro für die Ausstellung des entsprechenden Klebenachweises und 4,80 Euro für die Umstellung des Datensatzes von „plakettenpflichtig“ auf „plakettenfrei, nachweispflichtig“.
Wer die Rechnung per E-Mail erhalten möchte, spart einen Brief. Dafür fällt die digitale Zustellpauschale an.
„Bürokratieabbau ist kein kostenloses Produkt“, stellt Durchschlag klar. „Wenn der Staat weniger von Ihnen verlangt, muss er vorher genau prüfen, wie viel er Ihnen dafür berechnen kann.“
Auch die Wirtschaft begrüßt die Reform. Der Verband Deutscher Klebenachweis-Hersteller spricht von einem wichtigen Signal für den Standort Deutschland. Eine ersatzlose Abschaffung hätte ganze Lieferketten gefährdet: Druckereien, Folienlieferanten, Stempelproduzenten und Beratungsunternehmen für die strategische Transformation kreisförmiger Verwaltungsnachweise.
Ein Verbandssprecher warnt vor chinesischen Billigimporten. Dort würden teilweise Fahrzeuge angeboten, deren Plakettenfreiheit überhaupt nicht aufgeklebt sei.
„Das mag kurzfristig effizient erscheinen. Aber wer garantiert diesen Menschen, dass sie wirklich keinen Aufkleber brauchen?“
Für die Umsetzung des Bürokratieabbaus entsteht unterdessen eine neue Koordinierungsstelle. Sie beschäftigt zunächst 180 Menschen, die überwachen, ob durch die Reform tatsächlich weniger Arbeit entsteht. Sollte die Arbeitsbelastung steigen, sind weitere Stellen vorgesehen, um die Entlastung sicherzustellen.
Die Projektgruppe „Entfall“ tagt jeden Dienstag. Die Untergruppe „Ersatz“ jeden Donnerstag. Einmal im Monat treffen sich beide, um zu klären, warum sie einander brauchen.
Dr. Durchschlag bezeichnet das als schlanke Verwaltung.
„Früher hatte der Bürger eine Pflicht. Heute hat er eine Ausnahme, einen Antrag, einen Bescheid und ein Widerspruchsrecht. Das ist ein erheblich größeres Angebot.“
Holger erhält seine Plakettenbefreiungsplakette schließlich nach sieben Monaten. Zuvor musste er versichern, dass er sein Fahrzeug nicht zwischenzeitlich heimlich auf einen Dieselmotor umgerüstet hat. Die entsprechende Erklärung ist zwei Jahre gültig. Danach muss das fortgesetzte Ausbleiben eines Auspuffs erneut bestätigt werden.
Als Holger den neuen Aufkleber anbringen will, bemerkt er einen Hinweis auf der Rückseite: Die bisherige grüne Plakette darf erst entfernt werden, nachdem die neue Plakette ordnungsgemäß angebracht und die Entfernung der alten Plakette genehmigt wurde.
Er ruft die Hotline an.
„Dann habe ich doch vorübergehend zwei Plaketten.“
„Genau“, sagt die Mitarbeiterin. „Sie befinden sich in der Übergangsphase zur Entlastung.“
„Und wie lange dauert die?“
„Bis die Entlastung vollständig dokumentiert ist.“
Holger legt auf, setzt sich ins Auto und betrachtet die beiden grünen Kreise an seiner Windschutzscheibe. Sein Wagen kann sich per Software aktualisieren, Ladestationen finden und erkennen, ob ein Fußgänger die Straße betritt. Dass er keinen Auspuff besitzt, muss Holger trotzdem regelmäßig einer Behörde erklären.
Am nächsten Morgen klebt ein dritter Aufkleber an der Scheibe.
Holger hat ihn selbst ausgedruckt.
Darauf steht: „Fahrer von der Hoffnung auf Bürokratieabbau befreit.“
Das Bundesamt prüft bereits, ob er dafür eine Genehmigung benötigt.
Die Zeitschrift kann gegen Übernahme der Porto- und Versandkosten an dieser Stelle bestellt werden.
Das sind die Themen der 31. Ausgabe:
- COMMUNITY – Auf dem Laufenden bleiben
- TESLA – Neues aus der Tesla Welt
- TESLA – Eins von 250 Fahrzeugen
- TESLA – Die Model-S-Varianten in der chronologischen Übersicht
- TESLA – Vom E-Auto zum nachhaltigen Wohlstand
- Herausgeber – TFF – Aktuelle Veranstaltungen
- Herausgeber – TOS – Reisebericht Alpenpässe
- elektrische COMMUNITY – Das Programm
- ENERGIE – Zu viel Wind- & Sonnenstrom – aber nicht mehr lange
- STROMBOCK – Warum brauchen E-Autos trotzdem ein Kühlsystem
- GESELLSCHAFT – Das bessere Leben in der Zukunft
- E-MOBILITÄT – Prof. Fichtner zeigt Vorteile der Batterietechnik auf
- KLIMASCHUTZ – Der Kampf mit der Hitze
- WIRTSCHAFT – Warum ein Weg zurück meistens ein Holzweg ist
- WIRTSCHAFT – Zwei Fabriken, zwei Welten
- FANBOY – Verwaltet, geprüft, abgehängt



