„Technologieoffenheit”: das teuerste Wort der Verkehrspolitik

Wie man mit einem einzigen Begriff Milliarden verbrennt, Jahrzehnte verliert und sich dabei auch noch mutig fühlt

Ein satirischer Kommentar von Michael Selent

Es gibt Wörter, die klingen so vernünftig, dass man gar nicht merkt, wie teuer sie sind. „Technologieoffenheit” ist so eines. Es klingt nach Wissenschaft, nach Vernunft, nach „wir lassen die beste Lösung gewinnen”. In Wahrheit ist es das politische Äquivalent zu einem Mann, der seit 15 Jahren vor zwei Türen steht, eine davon sperrangelweit offen, hell erleuchtet, mit Willkommensschild – und der trotzdem ruft: „Ich halte mir alle Optionen offen!”

Schauen wir uns an, was in diesen Woche in Brüssel passiert. Die EVP arbeitet sich am „Automotive Package” ab, und das Ergebnis des großen Ringens um die Zukunft: Statt einer vollständigen Nullvorgabe ab 2035 soll nur noch eine CO2-Senkung um 90 Prozent verlangt werden – was den Konzernen Spielraum gibt, weiterhin Verbrenner zu verkaufen. Zehn Prozent Hintertür. Man stelle sich ein Rauchverbot vor, das zu 90 Prozent gilt: Geraucht wird nur noch in der Küche. Problem gelöst, Lunge gerettet, alle zufrieden.

Verteidigt wird diese Hintertür mit dem Zauberwesen der deutschen Verkehrspolitik: dem E-Fuel. Ein Treibstoff mit den drei klassischen Eigenschaften eines Fabelwesens – jeder hat davon gehört, kaum jemand hat es gesehen, und es soll uns alle retten. Die Realität ist profaner: E-Fuels kosten laut Fraunhofer ISI derzeit 3,50 bis 4,50 Euro pro Liter – ohne Abgaben und Steuern, die nochmal mindestens einen Euro draufschlagen. Fünf Euro fuffzig der Liter. „Technologieoffenheit” heißt also konkret: Wir retten deinen Verbrenner, damit du dir das Tanken nicht mehr leisten kannst. Der Motor bleibt, nur das Fahren wird abgeschafft. Das muss man sich erst mal trauen.

Und für wen wird diese Tür eigentlich so heroisch aufgehalten? Für eine Industrie, die längst durchgegangen ist. Der Wertverlust von Benzin- und Dieselfahrzeugen wird sich voraussichtlich beschleunigen, je näher 2035 rückt – und eine komplette Rolle rückwärts gilt angesichts der milliardenschweren Investitionen der gesamten Industrie in die Elektromobilität als extrem unwahrscheinlich. Der Zug hat den Bahnhof bereits verlassen. Brüssel diskutiert also leidenschaftlich darüber, ob man eine Tür offen lässt, durch die niemand mehr gehen will. Das ist keine Industriepolitik, das ist Denkmalpflege.

Das Schönste an der Technologieoffenheit ist ja ihre Einseitigkeit. Offen ist man immer nur in eine Richtung – nach hinten. Niemand fordert Technologieoffenheit beim Telefon („Wir dürfen das Wählscheiben-Potenzial nicht voreilig abschreiben!”), niemand kämpft für die Glühbirne, das Faxgerät oder die Pferdekutsche. Nur beim Auto wird das Festhalten am Alten zur intellektuellen Großtat umlackiert. Dabei ist die Wahrheit simpel: Die Technologie-Frage IST entschieden. Sie wurde nicht von Brüssel entschieden, nicht von Berlin, sondern von der Physik – ein Elektromotor verwandelt Strom in Bewegung, ein Verbrenner verwandelt Geld in Wärme und nebenbei ein bisschen Vortrieb.

Währenddessen, kleine Randnotiz, macht der Rest der Welt einfach weiter. In Japan dürfen ab 2030 keine Verbrenner mehr zugelassen werden, Kanada verlangt ab 2035 zu 100 Prozent emissionsfreie Verkäufe. Dort heißt Technologieoffenheit offenbar: Man hat sich die Technologien angeschaut – und sich dann für eine entschieden. Verrückte Idee.

Am Ende ist „Technologieoffenheit” schlicht das teuerste Beruhigungsmittel der deutschen Politik. Es kostet nichts auszusprechen und Milliarden zu glauben. Es vertagt jede Entscheidung, verunsichert jeden Käufer, verzögert jede Investition – und verkauft das Ganze als Freiheit. Die ehrliche Übersetzung wäre: „Entscheidungsschwäche, festlich verpackt.”

Mein Vorschlag zur Güte: Wir bleiben technologieoffen. Wirklich. Sobald ein Antrieb auftaucht, der effizienter, günstiger und sauberer ist als das E-Auto, steigen wir sofort um. Versprochen. Bis dahin gilt, was jeder Ingenieur, jeder Markt und jede Zulassungsstatistik längst sagt: Die Zukunft hat sich entschieden. Sie wartet nur noch höflich darauf, dass die Politik nachkommt und sich öffentliche Zerrbilder final korrigieren.

 


Und das sind die Themen der 30. Ausgabe:

  • Neues aus der Tesla Welt
  • Die Revolution der Patentstrategie bei Tesla
  • Grünere Energienetze dank Einsatz von KI
  • Die Herausgeber: Elektrische von Paris nach Dakar und zurück
  • Neues zur elektrischen COMMUNITY 2026
  • Strombock: Höhere Benzinpreise, der perfekte Moment für den Umstieg !
  • Unser Manifest und Petition für eine zukunftsorientierte Transformation Deutschlands
  • Reisebericht: Mit Model X & Grok durch Schottland 
  • Die Herausgeber: Tesla Fahrer & Freunde e.V.
  • Besuch im Geothermiekraftwerk
  • Powerwall 3P: Erstmals dreiphasiger Heimspeicher von Tesla
  • Fanboy: Terafab

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