Wie für mich gemacht… das M3

Ein Essay über das Interior Design des Tesla Model 3

von Christoph Reichelt

Skizze Tesla Model 3 Interior
Skizze: Christoph Reichelt

Vielfältig interessierbar und lernfaul: Ich war kein guter Schüler, und was „der Junge einmal werden“ sollte, war eine Sorge, die unlösbar schien. Dann, als ich 15 war, geschahen – unter anderem – zwei Dinge: Zum Ersten lernte ich aus einer Fernsehdoku, dass man mit dem Gestalten von Dingen Geld verdienen konnte. Der Beruf des Designers war damals weit weniger bekannt als er es heute ist. Zu sehen, dass es ihn gab, war wie eine Offenbarung und beantwortete erstmalig und nachhaltig die Frage, wohin es mit mir gehen sollte. Zum Zweiten entdeckte ich bei meinem Englisch-Nachhilfelehrer eine „Stereoanlage“ (so nannte man das ja), wie ich sie noch nie vorher gesehen hatte, faszinierend glatt, ein edler Monolith mit feinen Details, wie ein hochpräzises Messgerät. Es war der Beginn meiner bis heute (mit Unterbrechung) andauernden Leidenschaft für die Produkte von Bang & Olufsen, vor allem aus der Ära Jacob Jensen. Mit 19 kaufte ich, mit Geld aus einem Ferienjob als technischer Zeichner, eine komplette Anlage – eine nachhaltige Konsumentscheidung: Der Beomaster ist seit 33 Jahren ohne Pause – und ohne Wartung –im täglichen Betrieb.

Stereoanlage Beomaster 2400.2
Stereoanlage Beomaster 2400.2. Foto: Christoph Reichelt

Mein Auge für bemerkenswerte Gestaltung war allerdings schon vor diesem wichtigen Jahr geöffnet und mein Geschmack geprägt worden. Freunde meiner Eltern fuhren Citroën, bis Ende der 70er DS, danach CX. Das war die absolute automobile Avantgarde. Die Schalttafel des CX in Form einer Hohlkehle, der schwebende Instrumentencluster darüber mit Bediensatelliten und Lupentacho, die elegant geschwungenen Türverkleidungen mit den versteckten „Abzug“-Türöffnern, die weichen Integralsitze mit den per Druckknöpfen befestigten Kopfpolstern und natürlich das einarmige, schwebende Lenkrad – das waren Dinge, die mir als Inbegriff von „Design“ erschienen, die gleichzeitig spannend und angenehm waren.

nnenraum des Citroën CX
Innenraum des Citroën CX. Foto: Citroën

In beiden Fällen war mir klar, dass Design mehr ist als nur das Gestalten des optischen Erscheinungsbildes einer Sache. Design stellt auch eine kommunikative Wechselwirkung zwischen Gegenstand und Nutzer her, Design gibt dem Ding Charakter. Und mich sprachen offenbar jene Dinge an, die leicht und einfach, aber auch geheimnisvoll, abstrakt und hermetisch wirkten, wie die B&O-Geräte mit ihren glatten, berührungssensitiven Bedienflächen (an richtige Touchscreens war ja zu dieser Zeit noch nicht zu denken).

Mein Designstudium fand dann zur Zeit des Höhepunktes der Postmoderne statt. Aber ich verachtete die bunten Dekore und den „witzigen“ Eklektizismus von ganzem Herzen und hoffte, dass der Anfall bald vorüber sein würde. Für mich war das Potential der Gestaltung der 50er und 60er Jahren noch keineswegs ausgeschöpft.

So übernahm ich begeistert von meiner Mutter zwei handgemachte Sessel, die ihr erster Ehemann, ein Architekt und Innenarchitekt, in den 50er Jahren entworfen hatte, Prachtexemplare dessen, was wir heute als „Mid Century Style“ kennen und wieder schätzen. Sie wurden originalgetreu neu bezogen und stehen heute noch in meinem Wohnzimmer.

Sessel im Mid Century Style
Sessel im Mid Century Style. Foto: Christoph Reichelt


Dann kam ein weiterer prägender Einfluss in Form eines Praxissemesters bei Audi Design. In dem damals vergleichsweise kleinen Team gab es zu dieser Zeit eine ausgeprägte Kultur des Autoren-Designs. Man konnte für jedes Fahrzeug einen Urheber und für alle Gestaltungsentscheidungen einen Hauptverantwortlichen finden. „Gremiendesign“, wie sie es nannten, verachteten die Audi-Designer. Unter den Designerpersönlichkeiten, denen ich dort begegnete, hat mich vorwiegend Imre Hasanić geprägt, der zu dieser Zeit am Audi A4 (B5) arbeitete. Er hatte einen außerordentlich hohen „moralischen“ Anspruch ans Design, in dem Sinne, dass Formen in ihrer Aussage homogen, authentisch, lesbar und nicht unnötig aggressiv sein sollten. Er konnte sich über die Verlogenheit eines Mercedes 190, der „von vorne etwas ganz anderes sagt als von hinten“ ernsthaft erregen. Mich überraschte diese strenge, zur Selbstdisziplin zwingende Haltung, aber ich nahm sie bereitwillig und mit Überzeugung an.

Wenn ich mich recht erinnere, fuhr Imre selbst einen Lancia Montecarlo, eine kompakte, geradlinige Fahrmaschine mit strammen, fein ausbalancierten Proportionen. Ich selbst interessierte mich eher für elegante, aber schrullige Limousinen wie den Jaguar MKII oder den Rover P6 und – kontrastierend dazu – für Minimalfahrzeuge, Kabinenroller; die moderne, sportlich-komfortable Neuinterpretation eines solchen wurde dann auch meine Diplomarbeit.

Lancia Montecarlo
Lancia Montecarlo. Foto: Nexuslabs at de.wikipedia, CC-BY-SA 3.0

Mein erstes Auto war dann ein Fiat Tipo 2.0 DGT Granturismo mit einer futuristischen, abstrakten Gestaltung der Schalttafel: grüne Digitalanzeigen in tiefen, flachen Schlitzen, kein Dach über den Instrumenten, keine Logos oder Symbole, dafür super­komplexe, beleuchtete DEVIO-Lenkstockhebel, das Ganze gebaut von Robotern. Ein Auto fürs Computerzeitalter, erstaunlich.

Innenraum des Fiat Tipo
Innenraum des Fiat Tipo. Foto: Fiat
Dashboard des Fiat Tipo
Dashboard des Fiat Tipo. Foto: Fiat

Tesla Model 3 – alles erscheint vertraut und richtig

Wenn heute mein Blick über die „Schalttafel“ und das übrige Interior des Model 3 geht, dann bin ich erstaunt, wie vertraut und richtig mir das alles erscheint.

Tesla Model 3 Interior.
Tesla Model 3 Interior. Foto: Tesla

Dabei war die Entscheidung Teslas für einen einzigen 15”-Touchscreen als Interface und für eine insgesamt sehr reduzierte Gestaltung immer umstritten. Aber ich erkenne vieles wieder, was mir lieb und vertraut ist: Das Echtholzfurnier erinnert an die Palisander- und Teak-Oberflächen, die zu dem von mir so geschätzten Mid Century Style einfach dazu gehören. Dazu kommt die Assoziation an die genannten Klassiker von B&O, ausgelöst von der geradlinigen, schlanken, glatten, irgendwie abstrakten Gestalt der Schalttafel. Und hierzu wiederum passt die Bedienung per Berührung, das feine Sounddesign (das Tesla schon beim Model S eingeführt hat) und die weitgehende Abwesenheit mechanischer Bedienelemente – sogar die leidigen Lüftungsgitter hat Tesla durch eine am Touchscreen steuerbare, gewissermaßen magische Luftführung ersetzt. Dazu wurde harmonisch ein schöner wrap-around Effekt mit einer weichen Lichtkante, die von einer Tür über die Schalttafel bis in die andere bruchlos durchgeht, kombiniert. Die Türverkleidungen sehen ein wenig nach Audi aus, sind aber schlanker und straffer in der Linienführung, so dass sie zum Übrigen passen. Die sanft und dabei knackig öffnenden Klappen in der Mittelkonsole haben wiederum einen Hauch von B&O und es lohnt sich, ihre haptische Qualität mal mit der in anderen Fahrzeugen dieser Klasse zu vergleichen, die zwar ebenfalls gedämmte Klappen, aber eine deutlich weniger wertige Materialanmutung haben.

So fehlt mir eigentlich nur ein schönes Innenlichtdesign mit einer dezenten und durchdachten Ambientebeleuchtung und mit beleuchteten Lenkstockhebeln, wie sie mein Fiat hatte. Hier geht mir Teslas Zurückhaltung zu weit.

Lobend erwähnt seien noch: Eine Materialwahl der Sitzbezüge, die Knarzen und Schaben an Verkleidungsteilen zuverlässig verhindert. Die Tatsache, dass Mittelarmlehne und Türarmlehnen wirklich exakt auf derselben Höhe sind (was selbstverständlich sein sollte, es aber nicht ist). Das Glasdach, das den Innenraum luftig und hell macht, ohne das im Auto erwünschte Geborgenheitsgefühl zu zerstören.

Tesla Model 3 Interior
Tesla Model 3 Interior. Foto: Tesla

Das Model 3 pulsiert zwischen einem seltsamen Retro-Futurismus und einer total selbstverständlichen Verwurzelung im Heute. Man kann den Touchscreen als Science-Fiction-Gimmick verstehen und sich Sorgen um etwaige ergonomische Probleme seiner Anordnung machen – oder man nimmt ihn einfach als fest eingebautes iPad, ein Screen für alles, wie sonst, was könnte selbstverständlicher sein? Man kann das vegane Leder billig finden, wenn man sich dadurch an die Taxis der 70er Jahre erinnern lässt – oder sich an seiner weichen, üppigen Qualität freuen und daran, dass dafür keine Tiere ihre Haut lassen mussten. Man kann sich in der Zukunft fühlen, wie sie früher einmal vorhergesehen wurde – oder in der Gegenwart angekommen, wo die Dinge superschlau sind und dabei ganz simpel zu handhaben (man hört, in anderen Autos soll es tatsächlich noch mechanische Zughebel zum Öffnen der Türen von innen geben).
Vielleicht ist es eine Generationssache. Ich jedenfalls empfinde mich im Model 3 als „angekommen“. Als wären die Irrungen und Wirrungen einer jahrzehntelangen technischen und gestalterischen Suche vorbei , als sei ein Status erreicht, mit dem man alt werden kann, als könne man die Aufmerksamkeit jetzt auf Wesentlicheres richten als darauf, wie wir Schalter und Skalen anordnen.

Das ist wie eine Erlösung von all dem Gestaltungskrampf, der doch letztlich nur dazu dient, zu beeindrucken. Dinge, die so diszipliniert, so selbstverständlich, so einfach gemacht sind, haben das Potential, ihrem Nutzer Freiheit zu schenken. Sie geben, mit einem anderen Wort, echte Souveränität. Ich empfinde das und bin dafür dankbar.


Der Beitrag stammt aus der Ausgabe 7. des T&Emagazin, welche hier bestellt werden kann. Zudem besteht die Möglichkeit, das T&Emagazin in Wunschmenge dauerhaft zu abonnieren.



 

Themen der 7. Ausgabe sind:

  • Fahrbericht zum Model Y
  • Fahrbericht zum Audi eTron
  • Der Trend geht zum Zweit-Tesla und die Börse reagiert
  • ABC der E-Mobilität (Teil 2)
  • Neue MCU?
  • 1.111.111 Millionen Kilometer unterwegs mit dem Tesla
  • HEPA-Filter in neuen Tesla-Fahrzeugen
  • E-Mobilitäts-Reisen
  • Reisebericht Barcelona
  • Tesla und Corona
  • Virtuelles M3T
  • Neues aus der Tesla Welt
  • und vieles andere mehr.

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Veröffentlicht in Tesla

Ein Gedanke zu „Wie für mich gemacht… das M3

  1. Sehr schön geschrieben und trifft es sehr. Ich fühle mich in unserem Model 3 sowas von wohl und entspannt. Unglaublich.
    Diese rundum Perfektion ist schon Wahnsinn. Hab ich auch so noch nicht erlebt.

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