Das E-Auto in der Tiefgarage – Deutschlands unterirdischste Angst

Neues aus der Gruselserie: Warum 56 Prozent etwas fürchten, das die Statistik nicht kennt

Satirebeitrag von Michael Selent

Nach der Legende vom erfrorenen Stromer im Stau kommt hier die zweite Folge aus der beliebten deutschen Reihe „Ängste, die die Datenlage nicht bestellt hat”: das E-Auto, das in der Tiefgarage lauert. Eine repräsentative Civey-Befragung im Auftrag von DA Direkt zeigt: 56 Prozent der Deutschen halten Elektroautos in Tunneln und Tiefgaragen für brandgefährlicher als Verbrenner. Mehr als jeder Zweite. Das ist beachtlich – vor allem, weil laut Gesamtverband der Deutschen Versicherer E-Autos schlicht nicht häufiger brennen als Verbrenner.

Man muss sich diese Konstellation auf der Zunge zergehen lassen: Die Mehrheit fürchtet in der Tiefgarage ausgerechnet das Auto ohne Tank. Das Fahrzeug daneben transportiert 50 Liter einer hochentzündlichen Flüssigkeit spazieren, deren einziger Lebenszweck darin besteht, kontrolliert zu explodieren – und gilt als der vertrauenswürdige Nachbar. Der Verbrenner hat es in hundert Jahren geschafft, dass wir sein Grundkonzept – „brennbare Flüssigkeit, wird absichtlich gezündet” – für Normalität halten. Respekt. Das nennt man Markenpflege.

Besonders schön wird es beim Löschwissen. Zwei Drittel der Befragten glauben, Batteriebrände dürfe man nicht mit Wasser löschen. Die Wahrheit: Es ist exakt andersherum. Brennende Akkus werden mit Wasser gekühlt, bis der Brandherd erstirbt – Löschdecken, Sand und Schaum bringen dagegen nichts, weil die Batterie ihren Sauerstoff von innen selbst mitliefert. Deutschland hat also nicht nur Angst vor dem falschen Auto, sondern hält auch noch das falsche Löschmittel bereit. Zwei Drittel würden am liebsten mit einer Decke wedeln, während die Feuerwehr längst mit umfassender Erfahrung und spezialisierten Einsatzplänen anrückt. Der Stammtisch als Brandschutzbeauftragter – was soll da schiefgehen.

Und die berüchtigten Parkhaus-Verbote für E-Autos, die gern als Beweis durch die Timeline gereicht werden? Auch hier lohnt der Blick ins Kleingedruckte: Diese seltenen Fälle gehen in aller Regel auf unzureichende bauliche Gegebenheiten zurück – etwa Deckenhöhen unter 2,10 Meter, die der Feuerwehr die Bergung erschweren. Übersetzt: Nicht das E-Auto ist das Problem, sondern das Parkhaus. Es ist, als würde man Rollstuhlfahrern die Schuld geben, weil das Gebäude keine Rampe hat. Das Verbotsschild müsste ehrlicherweise lauten: „Einfahrt verboten – wir haben in den Siebzigern zu niedrig gebaut.”

Bleibt die Haftungsfrage, bei der sieben von zehn Befragten passen müssen. Die Antwort ist von geradezu enttäuschender Langeweile: Brandschäden am eigenen Fahrzeug deckt die Voll- oder Teilkasko – unabhängig von der Antriebsart. Schäden an Gebäuden oder anderen Fahrzeugen reguliert bei Verschulden die Haftpflicht. Für Parkhausbetreiber gelten dieselben Maßstäbe wie bei Verbrennern. Mit anderen Worten: Das E-Auto ist versicherungstechnisch so exotisch wie ein Golf. Die Rechtslage ist eindeutig – nur die Gefühlslage nicht.

Und genau das ist die eigentliche Pointe dieser Umfrage. Sie misst keinen Brandschutz, sie misst einen Informationsstand. Zwischen dem, was die Fachwelt weiß – gleiche Brandhäufigkeit, einheitliche Sicherheitsstandards, Belüftung, Fluchtwege, Brandmeldetechnik unabhängig vom Antrieb – und dem, was der Bauch glaubt, liegt ein Graben von der Breite einer Tiefgaragenzufahrt. Gefüttert wird dieser Graben zuverlässig: Jedes brennende E-Auto schafft es in die Schlagzeilen, während die zigtausend Verbrennerbrände pro Jahr ungefähr so viel mediale Aufmerksamkeit bekommen wie ein Wasserrohrbruch in Wanne-Eickel.

Festzuhalten bleibt: In deutschen Tiefgaragen brennt vor allem eines lichterloh – die Fantasie. Das E-Auto steht derweil still im Dunkeln, brennt statistisch genauso selten wie sein tankender Nachbar und wartet geduldig darauf, dass die Angst vor ihm irgendwann das tut, was Akkubrände laut Umfrage angeblich nicht können: mit klaren Fakten gelöscht werden. Funktioniert übrigens – man muss nur lange genug kühlen.


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