
Der chinesische Elektroautohersteller XPeng bringt sein fortschrittliches Fahrassistenzsystem NGP nach Europa. Bei einer rund 30-minütigen Demonstrationsfahrt durch den anspruchsvollen Pariser Stadtverkehr zeigte die neue KI-Technologie VLA 2.0 bemerkenswerte Fähigkeiten. Doch ausgerechnet alltägliche Verkehrssituationen offenbarten auch ihre Grenzen. Ab 2027 könnte das System zur ernsthaften Konkurrenz für Teslas Full Self-Driving werden.
Demo fahrt durch Paris:
Erste große Bewährungsprobe auf europäischen Straßen
Mit der Vorstellung seines weiterentwickelten Fahrassistenzsystems Next Generation Pilot (NGP) auf dem Pariser Autosalon 2026 setzt XPeng ein deutliches Zeichen. Der chinesische Hersteller möchte nicht länger ausschließlich mit attraktiven Elektrofahrzeugen, hoher Ladeleistung und modernen Innenräumen überzeugen, sondern auch bei intelligenten Fahrfunktionen eine führende Rolle einnehmen.
Während des Pariser Autosalons vom 12. bis 18. Oktober präsentiert XPeng das KI-gestützte System erstmals in größerem Umfang bei begleiteten Probefahrten auf europäischen Straßen. Gemeinsam mit Tesla gehört XPeng zu den lediglich zwei Herstellern, die im offiziellen „Autonomous Lab“ ihre automatisierten Fahrfunktionen im öffentlichen Straßenverkehr demonstrieren.
Als Testfahrzeug kommt der XPeng L03 zum Einsatz, ein elektrisches SUV-Coupé, das in China unter der Modellfamilie Mona bekannt ist.
Die Fachredaktion von CarNewsChina konnte das System bereits am 12. Oktober auf einer etwa 30-minütigen Fahrt durch Paris erleben. Redakteur Jiri Opletal hatte NGP zuvor auch in Peking getestet und konnte deshalb insbesondere die Anpassung an europäische Verkehrsbedingungen beurteilen.
Das Ergebnis fällt überwiegend positiv aus: Der XPeng bewältigte einen großen Teil der vorgegebenen Strecke selbstständig, erkannte unterschiedliche Verkehrsteilnehmer und reagierte in vielen Situationen vorausschauend. Vollständig ohne menschliche Eingriffe verlief die Fahrt allerdings nicht.
Fußgänger, Radfahrer und enge Straßen: Hier überzeugt die KI
Paris stellt besondere Anforderungen an automatisierte Fahrfunktionen. Enge Straßen, zahlreiche Motorroller, Fahrradwege, komplexe Kreuzungen und ein teilweise unübersichtliches Verkehrsgeschehen verlangen schnelle Entscheidungen.
Gerade in diesen Situationen zeigte NGP laut den ersten Fahrberichten beachtliche Fortschritte.
Besonders positiv wurde der Umgang mit schwächeren Verkehrsteilnehmern bewertet. An einem Fußgängerüberweg erkannte das Fahrzeug eine Familie, die erkennbar die Straße überqueren wollte, und hielt rechtzeitig an.
Auch Radfahrer, Motorroller und andere Fahrzeuge wurden zuverlässig in die Fahrentscheidungen einbezogen. Der XPeng konnte außerdem ein Hindernis auf seiner Fahrspur umfahren und sich durch schmale Straßen bewegen.
Ein weiterer Praxiseindruck stammt aus einem von Spot Press Services veröffentlichten Testbericht. Demnach hielt sich das System konsequent an Geschwindigkeitsbegrenzungen, berücksichtigte spezielle Aufstellflächen für Radfahrer und passte seine Geschwindigkeit frühzeitig an querende Fußgänger an.
Gerade diese defensive Fahrweise dürfte für den europäischen Markt wichtig sein. Denn entscheidend ist nicht allein, ob ein Assistenzsystem eine Strecke bewältigen kann, sondern wie nachvollziehbar, komfortabel und sicher es dabei mit anderen Verkehrsteilnehmern umgeht.
Noch nicht perfekt: Schwierigkeiten beim Einfädeln und Spurwechsel
Trotz der insgesamt positiven Eindrücke zeigte die Demonstrationsfahrt auch Schwachstellen.
Insbesondere beim Einfädeln in fließenden Verkehr und bei der Entscheidung über geeignete Zeitpunkte für Spurwechsel reagierte NGP stellenweise zu zurückhaltend.
In einem der dokumentierten Tests wartete das Fahrzeug an einer Einmündung, obwohl ein anderer Autofahrer eine Lücke zum Einfahren freimachte. Das System nutzte die Gelegenheit nicht, weshalb die begleitende Fahrerin schließlich selbst eingriff.
Auch eine weitere Situation verdeutlichte den Unterschied zwischen maschineller Vorsicht und menschlicher Improvisation: Ein vorausfahrendes Fahrzeug blockierte nach einem unzulässigen Abbiegevorgang die Straße. Obwohl Platz zum Vorbeifahren vorhanden war, entschied sich NGP zunächst zum Warten.
Solche Situationen gehören zu den schwierigsten Herausforderungen automatisierter Fahrassistenz. Ein System muss einerseits Verkehrsregeln zuverlässig beachten, andererseits aber auch mit unvorhergesehenem oder regelwidrigem Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer umgehen können.
Hinzu kommt eine wichtige Einschränkung: Die Fahrten erfolgten auf vorbereiteten Strecken und unter ständiger Aufsicht. Eine rund 30-minütige Demonstration reicht nicht aus, um die langfristige Zuverlässigkeit oder Sicherheit des Systems zu bewerten.
Was steckt hinter XPeng NGP VLA 2.0?
Das technische Herzstück des Systems bildet die zweite Generation von XPengs sogenannter Vision-Language-Action-Technologie, kurz VLA 2.0.
Dabei handelt es sich um eine KI-Architektur, die aus visuellen Informationen und dem erlernten Verständnis von Verkehrssituationen konkrete Fahrentscheidungen ableiten soll.
Vereinfacht ausgedrückt geht es nicht mehr nur darum, Fahrbahnmarkierungen, Ampeln und andere Fahrzeuge zu erkennen. Das System soll auch einschätzen, wie sich eine Verkehrssituation in den nächsten Sekunden entwickeln könnte.
Dafür nutzt XPeng eine Kombination mehrerer Technologien.
Die Umgebung wird hauptsächlich über Kameras erfasst. Anders als bei Teslas kamerabasiertem FSD-Ansatz nutzt das in Paris getestete XPeng-System laut CarNewsChina zusätzlich Millimeterwellenradar und Ultraschallsensoren.
Für die Verarbeitung der Daten setzt XPeng auf selbst entwickelte Turing-KI-Chips sowie seine VLA-Architektur.
Nach Herstellerangaben kann das zugrunde liegende KI-Modell Informationen aus einem Zeitraum von bis zu 30 Sekunden berücksichtigen und mögliche Entwicklungen einer Verkehrssituation bis zu sechs Sekunden im Voraus abschätzen.
Dadurch soll das Fahrzeug beispielsweise frühzeitig erkennen, wenn ein anderer Verkehrsteilnehmer vermutlich die Spur wechseln wird oder ein Fußgänger im Begriff ist, die Fahrbahn zu betreten.
Diese Fähigkeiten sind allerdings Herstellerangaben und dürfen nicht mit unabhängig nachgewiesenen Sicherheitsleistungen gleichgesetzt werden.
XPeng gegen Tesla: Entsteht ein neuer Wettbewerb beim intelligenten Fahren?
Die Pariser Demonstration dürfte auch deshalb Aufmerksamkeit erhalten, weil XPeng ausdrücklich in einem Marktsegment vorstoßen möchte, das stark mit Tesla und dessen Full-Self-Driving-Technologie verbunden wird.
Teslas FSD (Supervised) verfolgt ebenfalls das Ziel, umfangreiche Fahraufgaben innerhalb eines überwachten Assistenzsystems zu übernehmen – einschließlich komplexer Situationen im Stadtverkehr.
XPeng verfolgt mit NGP VLA 2.0 einen vergleichbaren Ansatz, setzt bei der Sensorik jedoch teilweise andere Schwerpunkte.
Der Unterschied liegt nicht nur in der eingesetzten Hardware. Entscheidend dürfte künftig vor allem sein, wie zuverlässig die Systeme mit europäischen Straßenverhältnissen umgehen und welche Funktionen tatsächlich von den Behörden zugelassen werden.
Ein direkter Leistungsvergleich zwischen Tesla FSD und XPeng NGP lässt sich aus der Demonstration in Paris noch nicht ableiten. Dafür wären standardisierte Tests auf identischen Strecken und unter vergleichbaren Bedingungen notwendig.
Dennoch zeigt die Präsentation, dass Tesla bei fortschrittlichen KI-Fahrfunktionen zunehmend mit ernstzunehmender Konkurrenz aus China rechnen muss.
Auch europäische Automobilhersteller beobachten diese Entwicklung. XPeng arbeitet unter anderem mit Volkswagen zusammen. Bereits im März 2026 hatte XPeng angekündigt, dass Volkswagen als erster kommerzieller Partner die VLA-2.0-Technologie für den chinesischen Markt einsetzen wird.
Die zunehmende Bedeutung chinesischer Softwareentwicklungen könnte damit weit über Fahrzeuge der Marke XPeng hinausreichen.
Wann kommt XPeng NGP nach Deutschland?
Besonders interessant für europäische Kunden ist der geplante Zeitpunkt der Markteinführung.
Nach Informationen von CarNewsChina soll XPeng NGP bereits im ersten Quartal 2027 für europäische Kunden verfügbar machen. Auch weitere Testberichte nennen diesen Zeitraum, allerdings vorbehaltlich der regulatorischen Voraussetzungen.
XPeng selbst hatte seine weltweite Einführungsstrategie zuvor für 2027 angekündigt. In einer Pressemitteilung vom März betonte das Unternehmen ausdrücklich, dass die Aktivierung neuer Fahrfunktionen von den jeweiligen behördlichen Genehmigungen abhängt.
Damit bleibt offen, ob sämtliche in Paris vorgeführten Fähigkeiten tatsächlich schon Anfang 2027 auf deutschen Straßen eingesetzt werden dürfen.
Bei der ersten Einführung könnten insbesondere Fahrzeuge mit XPengs eigener Turing-Rechenplattform berücksichtigt werden.
CarNewsChina nennt in diesem Zusammenhang den P7+, den X9, den L03 Ultra sowie das neue SUV G9L als mögliche frühe Kandidaten. Eine verbindliche Bestätigung für alle diese Modelle und sämtliche europäischen Märkte liegt jedoch nicht vor.
Unklar ist außerdem, in welchem Umfang bereits ausgelieferte Fahrzeuge mit älterer Hardware die neuen Funktionen erhalten könnten.
Wichtig: NGP ist kein vollständig autonomes Fahrsystem
So beeindruckend die Demonstrationen auch wirken mögen: XPeng NGP ist in der in Paris vorgestellten Form kein vollständig autonomes Fahrsystem.
Es handelt sich um ein fortschrittliches Assistenzsystem auf Level-2-Niveau. Die mitunter verwendete Bezeichnung „Level 2++“ beschreibt zusätzliche Fähigkeiten, stellt aber keine eigenständige offizielle Automatisierungsstufe dar.
Der Mensch am Steuer muss das Verkehrsgeschehen dauerhaft überwachen, jederzeit eingreifen können und bleibt für die Fahrzeugführung verantwortlich.
Das gilt grundsätzlich auch für Teslas FSD (Supervised).
Erst höhere Automatisierungsstufen erlauben es unter bestimmten rechtlichen und technischen Voraussetzungen, die Verantwortung für Teile der Fahraufgabe zeitweise auf das System zu übertragen.
Für die Bewertung solcher Technologien ist deshalb eine klare Unterscheidung zwischen beeindruckenden Fahrdemonstrationen und tatsächlich zugelassenem autonomen Fahren entscheidend.
Fazit: XPeng zeigt Fortschritte – die eigentliche Bewährungsprobe steht noch bevor
Mit der ersten großen NGP-Demonstration in Europa macht XPeng deutlich, dass der Hersteller künftig auch bei KI-gesteuerten Fahrfunktionen eine wichtige Rolle spielen möchte.
Die Eindrücke aus Paris zeigen, dass das System bereits viele typische Situationen des europäischen Stadtverkehrs bewältigen kann. Besonders der Umgang mit Fußgängern, Radfahrern und komplexen Straßenverhältnissen wurde positiv bewertet.
Gleichzeitig verdeutlichen die Eingriffe beim Einfädeln und Umfahren von Hindernissen, dass selbst fortschrittliche KI-Modelle noch Schwierigkeiten mit Situationen haben, die menschliche Fahrer häufig intuitiv lösen.
Für europäische Kunden wird deshalb weniger entscheidend sein, wie überzeugend eine einzelne Vorführfahrt verläuft, sondern wie zuverlässig das System im täglichen Einsatz funktioniert.
Sollte XPeng die Technologie 2027 in größerem Umfang auf europäischen Straßen anbieten können, könnte sich der Wettbewerb beim intelligenten Fahren deutlich verschärfen.
Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr nur, wann Tesla FSD in Deutschland verfügbar wird, sondern welche Hersteller eine vergleichbar leistungsfähige Assistenz tatsächlich anbieten können – und mit welchen Einschränkungen.
Quellen: CarNewsChina, Fahrbericht vom 12. Oktober 2026; XPeng, Pressemitteilungen vom 4. März und 12. Oktober 2026; Spot Press Services, Fahrbericht vom 13. Oktober 2026; ADAC, Informationen zu den Automatisierungsstufen.

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Aus dem Inhalt:
- COMMUNITY – Auf dem Laufenden bleiben
- TESLA – Neues aus der Tesla Welt
- TESLA – Eins von 250 Fahrzeugen
- TESLA – Die Model-S-Varianten in der chronologischen Übersicht
- TESLA – Vom E-Auto zum nachhaltigen Wohlstand
- Herausgeber – TFF – Aktuelle Veranstaltungen
- Herausgeber – TOS – Reisebericht Alpenpässe
- elektrische COMMUNITY – Das Programm
- ENERGIE – Zu viel Wind- & Sonnenstrom – aber nicht mehr lange
- STROMBOCK – Warum brauchen E-Autos trotzdem ein Kühlsystem
- GESELLSCHAFT – Das bessere Leben in der Zukunft
- E-MOBILITÄT – Prof. Fichtner zeigt Vorteile der Batterietechnik auf
- KLIMASCHUTZ – Der Kampf mit der Hitze
- WIRTSCHAFT – Warum ein Weg zurück meistens ein Holzweg ist
- WIRTSCHAFT – Zwei Fabriken, zwei Welten
- FANBOY – Verwaltet, geprüft, abgehängt



