12.000 Kilometer elektrisch mit dem Wohnanhänger zum Nordkap

Ein tolles Team: Tesla S 85D Bj 2015 mit dem aerodynamischen 2020er Rockabilly Touring von Eriba

von Kai Möller

„Das geht nicht!“ meinte der Prüfer vom TÜV in Hünfeld ernsthaft, als ich die Anhängerkupplung eintragen lassen wollte. Dieses Gerücht scheint sich hartnäckig zu halten, obwohl E-Fahrzeuge doch für ihr hohes Drehmoment berühmt sind. Langer Rede kurzer Sinn: wir wollten es beweisen.

Kaum war die Anhängerkupplung montiert, starteten wir zu einem ersten Testlauf durch das Allgäu bis in die Schweiz und nach Liechtenstein. Unser Verbrauch lag wie bei einem Verbrenner etwa ein Drittel höher als gewohnt und schrumpfte die Reichweite auf 200 Kilometer am Stück. Aber sonst?

Spätestens die 600 Kilometer an einem Tag zurück ins Hessische stimmten uns optimistisch. In einer Mischung aus Urlaub, Homeoffice und selbstverordneter Quarantäne starteten wir mit einem Eriba Treffen auf Fehmarn über Dänemark nach Schweden. Ursprünglich wollten wir nach Finnland. Wegen der Corona-Bestimmungen durften wir nicht und entschieden spontan nach Lappland und über Norwegen bis ans Nordkap zu fahren.

Unabhängig und frei?

Um es gleich vorweg zu nehmen: wir sind „Freisteher”. Am liebsten stromern wir gemütlich durch aufregende Landschaften. Wie die Nomaden, die Strecke ist das eigentliche Ziel. Stellplätze entdecken wir zufällig unterwegs. In Skandinavien ist das erlaubt.

Großartig harmoniert das Zusammenspiel aus Wohnwagen und E-Mobil, hat man doch stets genug Energie „onboard“, um unterwegs Handys, Computer und Kameraakkus zu laden oder im Hellen sitzen zu können.

Bei unserem Eriba hatten wir das originale „Autark Paket“ direkt nach der Testfahrt in die Schweiz mit einer 100 Ampere Lithium Batterie und zwei 100 Watt Dünnschicht Solarmodulen erweitert. Ursprünglich erhofften wir, den Wohnwagen beim Fahren aus dem Tesla heraus wieder aufladen zu können. Das funktioniert leider nicht, vermutlich weil die Wohnwagenelektrik kein Signal der Lichtmaschine empfangen kann oder die Anhängerkupplung falsch belegt ist. Auch der Kühlschrank läuft nur im Gasbetrieb.

Dank unserer Solarlösung hatten wir immer reichlich Strom im Wohnbereich und dank der zahlreichen Schnelladlestationen unterwegs ein stets geladenes Auto.

Langstrecke fahren?

Der Tesla zeigt uns im Navi alle Ladestationen. Dadurch wissen wir schon vor der Abfahrt exakt, wie weit wir je Etappe kommen müssen und an welchem Platz wir das nächste mal aufladen werden. Wir bevorzugen das Tesla SuperCharger Netz, weil wir dort zuverlässig und kostenfrei aufladen können.

Das Auto kann die zusätzliche Last mit dem Wohnwagen leider nicht in die Streckenplanung einbeziehen und wir müssen etwas mitdenken. Dazu lassen wir lassen uns alle Ladeplätze anzeigen und navigieren dann zu einer Station innerhalb unserer tatsächlichen Reichweite.

Falls die nächste Etappe weiter als 175 Kilometer entfernt liegt, starten wir etwas langsamer, bis wir sicher sind das Ziel erreichen zu können. Der Tesla zeigt die tatsächliche Reichweite in der Verbrauchsanzeige je nach aktueller Fahrweise sehr genau an. Wir planen nach Möglichkeit mit 20 Kilometern Reserve, um den Akku nicht leer zu fahren.

Unsere längste Etappe am Stück lag bei 228 Kilometer entspanntem Fahren auf der deutschen Autobahn. Unsere weiteste Tagesstrecke lag bei circa 865 Kilometern von Göteborg bis Hannover. Hier liegt ein weiterer Unterschied zum Verbrenner versteckt. Wir fahren lieber die 150 Kilometer Umweg über Kolding, als das wir die Fähre benutzen. Das ist für uns wesentlich günstiger, denn unser Tesla fährt die Strecke kostenfrei, müsste aber für die Fähre bezahlen.

Für Langstrecken starten wir geladen und planen Ladepausen zum Frühstück, zum Mittagessen, zum Kaffee und zum Abendessen. So lässt sich das Aufladen perfekt mit dem Sinnvollen verbinden und lange Strecken sind keine besondere Leistung. Uns gefällt es aber besser, wenn wir jeden Tag nur eine oder zwei Etappen fahren. Die Strecke ist das Ziel. Eigentlich wollten wir im Februar Spanien gegen den Uhrzeigersinn umrunden, sind aber wegen der Corona-Komplikationen Zuhause geblieben und haben etwas Zeit, um beispielsweise diesen Artikel zu schreiben.   

Herausforderung?

Wer denkt, es wäre eine besondere Herausforderung, elektrisch mit Wohnwagen zu fahren, der täuscht sich. Die Zeit an den Ladestationen kann man wie eben beschrieben sehr sinnvoll nutzen und beispielsweise mit Kochen und Essen verbringen. Wir arbeiten auch gerne am Laptop, erkunden die Umgebung oder machen ein kleines Nickerchen. Das „Haus“ ist immer dabei und man kann die Ladeweise sehr nützlich verbringen ohne kostbare Zeit zu verschenken.

Trotz allem: auf der circa 195 Kilometer langen Strecke von Kiruna, durch den Abisko Nationalpark über die Grenze nach Narvik in Norwegen fuhren wir stellenweise nur mit 60. Es gab auf der gesamten Strecke keine weitere Ladestation und wir könnten den Verbrauch nicht gut einschätzen. Hinter dem Polarkreis sind die Ladestationen auch in Schweden und Norwegen eher dünn gesät.

Die 240 Kilometer vom letzten Schnelllader im Norwegischen Alta bis hin zum Nordkap und wieder zurück kosteten uns reichlich Zeit. Zwei mal übernachteten wir vermutlich weltweit nördlichsten Tesla DestinationCharger in Olderfjord, etwa 130 Kilometer vor dem Nordkap, und zweimal pausierten wir mehrere Stunden im wunderschönen Honingsvag für eine Zwischenladung an der Ladestation des Scandic Hotels.

Die reinen Stromkosten für die gesamte Tour lagen bei circa 80 Euro, was möglich ist, weil unser Tesla 2015 noch inklusive „lifetime free Supercharging“ verkauft wurde. Wir können auf Lebenszeit des Autos an allen SuperChargern gratis laden. Im Gesamtschnitt der insgesamt 12.000 gefahrenen Kilometer mit Wohnwagen lag unser Verbrauch bei 321Wh/km was ansonsten etwa 9,50 Euro auf 100 Kilometer entsprechen würde.

Wohnmobil vs E-Wohnwagen?

30 Jahre lang waren wir überzeugte Wohnmobilisten, nur hatte uns zwischenzeitlich unser Umweltbewusstsein überholt. Fast 6 Jahre fahren wir nun elektrisch. Man verliert schnell den Spaß an der drögen Langsamkeit der Verbrenner. Auch das Hantieren mit Treibstoffen, Ölen und Zusätzen wie Adblue begeistert ebensowenig das spätere Inhalieren der Abgase beim Verbrennen.     

Wir hatten unser Wohnmobil kaum mehr bewegt, jedenfalls nicht mehr für lange Strecken. Mit dem Tesla waren wir schnell und günstig auf unseren Reisen zwischen Baltikum, Mittelmeer und Atlantik. Wir änderten unsere Gewohnheiten und übernachteten in Airbnb Häusern und Hotels.

Anfang des Jahres war es endlich soweit. Wir konnten unser „altes“ Model S mit einer Anhängerkupplung nachrüsten und wieder unabhängig und frei „umherziehen“. Schnell war uns klar, dass es ein Eriba Touring werden muss. Liebe auf den ersten Blick. Praktisch und areodynamisch. Der Eriba hat sich prima bewährt auf unserer Tour, wir möchten nicht mehr gegen ein Wohnmobil tauschen.

Leider hat das Leben mit dem Eriba auch seine Schattenseiten. Seit wir mit Wohnwagen fahren, werden wir von Wohnmobilisten angefeindet. Jedenfalls in Deutschland. Uns war nicht klar, dass viele Menschen denken, dass Wohnwägen auf den Campingplatz „müssen“, während öffentliche Stellplätze nur den Wohnmobilisten „gehören“. Diese Trennung macht keinen Sinn. Wohnwägen sind heute unabhängiger, wendiger und umweltfreundlicher als jemals zuvor.

Wir leben im Jahr 2021. Alles ist möglich. Ob Wohnwagen oder Wohnmobil, elektrisch oder Diesel, es liegt nicht am Fahrzeug. Es liegt an unserem Denken …

Auf Instagram zeigen wir unter electric_camper mehr von unseren Erlebnissen unterwegs. Gerne dürfen Sie uns folgen.

Technische Daten:

Fahrzeug: Tesla Model S 85D EZ: 05/2015

(Ehrliche Reichweite im Alltag = 325 Kilometer mit Wohnwagen 200)

Anhängerkupplung (MrDotCom.de) zugelassen bis 1850 KG Zuglast / 75 Kilo Stützlast

Wohnwagen: Eriba Touring 530 „Rockabilly“ 1.400 Kilo zulässiges Gesamtgewicht. Autark aufgerüstet mit 2 x 100WH Solar Dünnschicht Modulen, 100AMP Lithium Akku und 1.800 Watt Sinus Spannunsgwandler auf 220Volt.

Autor:

Kai Möller, www.Destillatio.com

Instagram: electric_camper

Dieser und weitere spannende Artikel jetzt auch im neuen T&Emagazin.

Dieser Artikel ist ein Beitrag aus der Ausgabe 11 des T&Emagazin.

Einzelhefte, 5, 10 oder 20 Exemplare zum Weiterverteilen und Auslegen können zu kostendeckenden geringen Aufpreisen bestellt werden.

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Die Themen der Ausgabe 11 des T&Emagazin:

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  • Tesla Zwei-Faktor-Authentifizierung  – von Henning Frey
  • Smart Home-Anwendungen – von Mike Boch
  • Neue Tesla Wandladestation – von Oliver Fritsch
  • Tesla Welt – News des Quartals  – von David Reich
  • Deutschlands jüngste Tesla-Fahrerin im Interview
  • Alternativen zu Tesla auf der Langstrecke? Stimmen von Ove Kröger, Oliver Krüger und Nico Pliquett
  • Tesla Owners Club Helvetia (TOCH) 
  • Tesla Fahrer und Freunde (TFF) e.V.
  • Gleichstrom vs. Wechselstrom – von Martin Hund
  • Erste Robotaxis in Europa 2023? – von Markus Weber
  • Car Maniac E-Auto-Test – von Christopher Karatsonyi
  • Ev Events – Elektromobilitäts-Termine
  • Beschluss des Verfassungsgerichts zum Klimaschutz – von Silvia Oudhoff
  • Vom E-Auto zu Energiewende – Interview von Dennis Witthus mit Volker Quaschning und Holger Laudeley
  • Mieterstrom & Eigennutzung
  • M3T – Rückblick: Virtuelles E-Community-Treffen
  • T&Etalk – Rückblick: Tesla raus aus der Servicehölle?
  • Nächster T&Etalk: SEXY CARS Community
  • Wirtschaft – Mobilität der Zukunft – von Jörg Heynkes
  • Reisebericht – Mit Tesla und Wohnanhänger zum Nordkap – von Kai Möller
  • Fanboy – Als Tesla kam – von Gabor Reiter
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