Benzin im Blut & gleichzeitig unter Strom

von Sabrina Hund

Fotos: privat

Benzin im Blut

Kennt Ihr das? Während des kurzen Startvorgangs klingt er noch wehleidig jaulend, aber es lässt sich schon erahnen, was gleich passiert: Die Kraftstoffpumpe fördert erste Mengen der brennbaren Flüssigkeit durch die Leitungen bis zur Schwimmerkammer des Vergasers. Von der Kurbelwelle getrieben senken sich die Kolben in den Zylindern. Sie ziehen durch den entstehenden Unterdruck Außenluft durch die Ventile und dabei auch kleine Tröpfchen der Flüssigkeit aus der Kammer. Durch eine kleine Düse wird sie fein vernebelt und gelangt mit der Luft bis in den Hohlraum über den Kolben. Gleichzeitig entlädt sich die vorher aufgeladene Zündspule durch einen gezielten Kontaktimpuls über eine kleine Funkenstrecke an der Spitze einer Zündkerze über dem Kolben. Es kommt zu einer kontrollierten Explosion, die die Kurbelwelle über den Kolben in die nächste Umdrehung befördert.

Der Verbrennungsmotor läuft. Er ist laut und riecht nach Abgasen. Menschen mit Benzin im Blut sprechen hier vom „Sound“ und dem besonderen „Duft“. Sie spüren die Vibration im ganzen Körper. Der Mensch bändigt diese ungezähmte Maschine wie ein wildes Tier, welches sich gehorsam seinem Dompteur unterwirft.

Aufwachsen mit Fahrzeugen

Mein Name ist Sabrina Hund, ich wurde 1981 geboren als eine von schlussendlich vier Töchtern eines Auto- und Zweiradmechanikers. In meiner ländlichen Heimat lernte ich schnell, dass ein eigenes Fahrzeug nicht nur ein zweckmäßiges Fortbewegungsmittel ist. Es ist vielmehr die zwingende Voraussetzung für die eigene Unabhängigkeit und es entwickelt sich schnell zu einem zentralen Element der eigenen Kindheit, so wie man es heute vielleicht vom ersten eigenen iPhone kennt.

Als Jugendliche nutzte ich jede Gelegenheit, die Zweiräder Probe zu fahren, die mein Vater in seiner Werkstatt zur Reparatur hatte. Manche der Mofas, Mopeds und Motorräder waren älter als ich selbst und schneller als man erwartet hätte. Meine Schwestern und ich durften jedenfalls testen, ob noch etwas klapperte oder die Maschine richtig „zog“.
Später bekam meine ältere Schwester einen alten Fiat 500 als erstes Auto. Mein Vater schraubte die Karre notdürftig zusammen und das kleine Ding fuhr wie ein Lottchen. Regelmäßig wurde ich mit dem Wagen abgeholt – zuverlässig bei Wind und Wetter. Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, welche schicksalhafte Verbindung durch diese Erfahrung entsteht.

1999 lernte ich meinen Mann kennen. Auch er ist ein Tüftler und Schrauber mit Leidenschaft. Seit längerem hatte er einen alten Ford Taunus Baujahr 1975, den er aus einem eingewachsenen Wiesenstück gerettet hatte und in jahrelanger Kleinarbeit restaurierte. Der brummt und stinkt auch heute noch gewaltig aus seinen sechs Zylindern. Selbstverständlich wurde das unser Hochzeitsauto und er chauffierte uns zur Geburt unseres ersten Kindes. Auch dieser Wagen war und ist – genau wie meine alten Mofas und Mopeds – ein prägender Teil meines Lebens.
Was ich damit sagen möchte: Die Freude am Gebrumm, Geruch von Zweitaktern, Verbrennern, Benzin im Blut ist nicht nur Männern vorbehalten.

Aufbruch in eine neue Zeit: Elektroauto Tesla Model S

Im Laufe der Jahre mit heranwachsenden Kindern und sonstigen Alltagherausforderungen werden die eigenen Autos zweckmäßiger. Nicht zuletzt durch die Möglichkeit, einen Firmenwagen aus einem vorgegebenen Sortiment zu nutzen, verlor das Familienauto teilweise seine Bedeutung. Erst nach einem Arbeitgeberwechsel im Jahr 2018 stellte sich für uns wieder die Frage: Welches Auto kaufen wir uns jetzt?

Der Zufall – oder nennen wir es eine glückliche Fügung – hatte unseren Entscheidungsprozess maßgeblich beeinflusst: Die Dieselskandale und Betrugsfälle der bekannten Autohersteller haben unsere Haltung zum Verbrenner erschüttert. Wurden wir von dieser Technologie, die in unserem Land erfunden wurde und für Wohlstand gesorgt hat, die unsere Jugend so tiefgreifend geprägt hat, am Ende doch nur betrogen? Verraten wir einen Teil unserer Identität allein durch das Stellen dieser Frage?

Wir mussten nun ein neues Auto kaufen und doch war klar: Es kann keinen Verbrenner mehr geben. Wenn nicht wir Eltern, die Mitten im Leben stehen, wohlhabend und den eigenen Kindern zum Vorbild, jetzt einen Umstieg wagen, wer soll dann den Anfang machen?

Als Technikinteressierte kamen wir unweigerlich auch zum Thema Elektroauto. Wir fuhren eine Zoe zur Probe: „Geht gar nicht – nur 150 Kilometer Reichweite und dann dieses Laden – das kann ich mir nicht vorstellen.“

Wenig später bot sich durch die Vermittlung eines Kollegen meinem Mann die Gelegenheit, ein Tesla Model S zu fahren – ich war leider beruflich verhindert. Das anschließende Zusammentreffen mit meinem Mann hat aber schnell offenbart: Irgendetwas ist da während der Fahrt wohl passiert. Ich ahnte, dass dies unser nächstes Auto wird.

Im September 2018 holten wir uns stolz diesen außergewöhnlichen Wagen. Fahrspaß pur. Wo war die Lust am Sound, am Geruch und am Bändigen der vibrierenden Kraftmaschine? Sie wurde über Nacht ersetzt durch ein neues Gefühl. Es ging plötzlich um das leise Zischen, die unglaubliche Beschleunigung, um Understatement und zeitlose Eleganz. Davon wurde auch ich überzeugt. Dieses Fahrgefühl ist unglaublich. Wenn uns das jemand vorher erzählt hätte, wären wir in schallendes Gelächter ausgebrochen. Aber jetzt ist für uns der Weg zurück nicht mehr vorstellbar.

Eine echte Alternative: Fiat 500e

So schön, wie das Tesla Model S ist, für die täglichen Ausflüge in die Stadt ist es leider auch sehr unpraktisch. In Darmstadt gibt es kaum ein Parkhaus, das sich dafür eignet – also keine Dauerlösung. Inzwischen benötigt mein Mann das Auto auch hin und wieder beruflich und unsere Kinder sind so nebenbei auch erwachsen geworden. Wir spielen mit dem Gedanken, einen Zweitwagen anzuschaffen. Auch dieser soll elektrisch angetrieben sein – aber eben kleiner. Eher etwas für die Stadt, aber auch etwas fürs Auge. Also wieder Renault Zoe? Der Honda-e sieht auch nett aus. Renault Twingo, e-Golf, Elektro-Smart, die Liste an Optionen ist inzwischen lang.

Aber was hat denn Fiat da gemacht? Inspiriert durch eine kurze Fahrt mit einem 500e aus den USA haben wir uns mit der Marke mehr beschäftigt. Aber ich war schockverliebt, als ich das neue Modell Fiat 500e wahrgenommen habe. Und mein erstes Treffen mit „ihm“ war so erfüllt mit Schmetterlingen im Bauch und Erinnerungen im Kopf. Da war schnell klar: Der wird es! Nach kurzer Suche durften wir eine Probefahrt im nahegelegenen Autohaus machen. Das war mir wichtig, aber nötig war es eigentlich nicht, weil mir war klar, dass wir zwei zusammengehören!

Es wurde ein La Prima 500e Cabrio. Nach 2 Wochen durften wir das gute Stück bereits abholen. Die letzten Tage des zu dem Zeitpunkt ausklingenden Winters und die damit verbundenen Wetterverhältnisse waren wie eine Qual, weil die erforderlichen Winterreifen noch nicht lieferbar waren. Also bin ich in den ersten Wochen mit meinem „Huzelchen“ immer nur mal um den Block gefahren. Das Auto zaubert mir bis heute immer wieder ein Lächeln ins Gesicht. Ich freue mich jedes Mal über den Anblick, wenn ich aus dem Haus gehe – er ist einfach so süß! Plötzlich bin ich wieder das kleine Mädchen, welches ein neues cooles Fahrzeug ausprobieren darf – ganz ohne Sound und Geruch.

Benzin im Blut haben und gleichzeitig unter Strom stehen

In jeder Lebensphase konnte ich mich für Fahrzeuge begeistern und ich habe jeden mobilen Moment genossen – allein und mit meiner Familie. Es ist mir gelungen, Benzin im Blut zu haben und gleichzeitig unter Strom zu stehen. Ich wünsche mir, dass unsere Mitmenschen genauso offen an den Wandel der Mobilität herangehen und sich vom Neuen begeistern lassen. Das Alte muss man dabei nicht verraten. Mit Freude im Herzen erinnere ich mich an die positive Reaktion meines Vaters bei seiner ersten – und einzigen – Fahrt im Tesla. Und wenn der alte Autoschrauber sich derart davon begeistern lassen konnte, dann können andere Menschen das auch.

Wir fahren heute nur noch elektrisch. Und wenn wir mal Lust darauf haben, dann holen wir einfach das alte Mofa oder den Ford Taunus aus der Garage und drehen eine kleine Runde – mit Sound und dem besonderen Duft.

SABRINA HUND arbeitet als selbständige Tagesmutter und betreut Kleinkinder bis zu 3 Jahren. In ihrer Freizeit geht sie leidenschaftlich gerne wandern. Zusammen mit ihrem Mann Martin engagiert sie sich bei Treffen und Veranstaltungen rund um das Thema Elektromobilität, um den gesellschaftlichen Wandel zu unterstützen.

Dies ist ein Beitrag aus der 12. Ausgabe des T&Emagazins. Einzelhefte, 5, 10 oder 20 Exemplare zum Weiterverteilen und Auslegen können zu kostendeckenden geringen Aufpreisen vorbestellt werden. Zudem kann die Community-Zeitschrift auch – gegen 20 Euro für Porto und Versandkosten für ein ganzes Jahr abonniert werden.

Die Themen der 12. Ausgabe sind::

Tesla – Model Y in Europa von Timo Schadt
Tesla – Baufortschritte der Gigafactory Grünheide von Robert und Andreas Wolf und Markus Weber
Tesla – Warum ein Tesla nicht für jeden geeignet ist von Patrick Bolli
Tesla – Zu Besuch bei Brabus-Tochter Startech von Timo Schadt
Tesla Welt – News des Quartals von David Reich
Innovator – Zu groß für einen Tesla? Thomas Max Interview mit Antonino Zeidler und Timo Schadt
Die Herausgeber – Tesla Fahrer und Freunde (TFF) e.V.
Die Herausgeber – Tesla Owners Club Helvetia (TOCH)
Elektromobilität – Elektromobilität auf der IAA Mobility von Lars Hendrichs
Elektromobilität – Elektroauto vs. Verbrenner von Christoph Krachten
Elektroauto Guru – Wie pflegt man die Batterie richtig? von Antonino Zeidler
Elektromobilität – Car Maniac E-Auto-Tests von Christopher Karatsonyi
Elektromobilität – electrified women von Lisa Bohm
Elektromobilität – Benzin im Blut & gleichzeitig unter Strom von Sabrina Hund
Elektromobilität – Rock den Ring von Martin Hund
Elektromobilität – Elektrisches Wochenende in Brandenburg von Markus Weber
Elektromobilität – Technologie auf der Straße und in der Luft Claudius Banani über Carsten Scharfenberg
T&Etalk – Rückblick: Wie geht es weiter mit der Community? von Markus Weber
T&Etalk – Ausblick: E-mobile Zukunft / E-Auto vs. Bus & Bahn
T&Etalk – Wer steckt dahinter
Energie- & Mobilitätswende – PV-Überschussladen von Florian Bach
Wirtschaft – Future Angst oder warum Elon Musk Raketen auf die Bühne schleppt von Mario Herger
Reisebericht – Mit Tesla und Hund nach Portugal von Uwe Merse
Fanboy – Tesla Bot von Gabor Reiter

Hinweis:

Bleibe auf dem Laufenden und abonniere den kostenlosen Newsletter. Immer zum Wochenende gibt er einen Überblick der aktuellen E-Mobilitäts-Themen der zurückliegenden Woche. Newsletter-Abonnenten können zudem das T&Emagazin digital lesen – auch ältere Ausgaben.

Anzeige

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.