Car Maniac: Aiways U5, der vergessene Bruder

Neben der ganzen Flut von ID Modellen, Skoda, Audi und so weiter, ist ein Auto völlig untergegangen in der Berichterstattung: nämlich der Aiways U5. Im Rahmen meiner TV-Produktion habe ich ihn gerade da und musste mal wieder feststellen, wie toll das Preis-Leistungsverhältnis bei diesem Familienauto ist. Ich vermeide bewusst das Wort SUV. SUV Fahrer sind ja nichts anderes als vom Teufel besessene.
 
Wenn wir jetzt aber mal für diese vom Teufel besessenen ein Auto suchen, das erschwinglich ist, wirklich viel Platz bietet und darüber hinaus auch noch qualitativ wirklich anspruchsvoll ist, dann kommen wir bei diesem Chinesen raus. Ich bin wirklich wieder erstaunt gewesen nach eineinhalb Jahren, was man so für kleines Geld machen kann. Okay, 39.000 Euro müssen auch erst einmal verdient werden – aber ganz ehrlich, was soll denn nun ein neues Fahrzeug kosten? 5.000 Euro? Tja, daraus wird leider nichts. Wer jetzt noch einen Neuen erwischt, der irgendwo rumsteht, der kann ja auch noch die knapp 10.000 Euro Umweltprämie abziehen. Auf meiner Plattform Evium könnt ihr gerne nach welchen suchen.

Mit 204 PS ist er auch wirklich richtig schnittig zu fahren. Er schiebt ein bisschen wie ein Diesel, aber das meine ich nicht negativ, sondern beziehe es auf den Charakter. Auch die 160 km/h reichen mehr als aus. Was mir halt echt gefällt, ist der Spaß in Kurven, den man mit dem Auto haben kann. Allerdings bis zu einer gewissen Grenze. Ab da fühlt es sich an, wie eine Badewanne auf Sprungfedern. Das Problem ist, dass die Lenkung nicht sehr direkt ist und man muss viel lenken für wenig Bewegung. 
 
Verbindet man jemandem die Augen, aber nicht auf die “ich kidnappe dich” Art, dann würde derjenige, dem man im Auto die Augenbinde wieder abnimmt, nicht erraten können, ob es sich hier um ein 100.000 Euro oder nur ein 40.000 Euro Auto handelt. Das Bicolor innen ist wirklich sehr schön. Es bringt einfach mal Abwechslung in die sehr vielen Plastiklandschaften, die uns momentan auch für mehr Geld geboten werden. Alles hat irgendwie Pfiff in diesem Auto. 
 

Das Einzig nicht so pfiffige ist leider und von dieser Meinung kann ich auch nach eineinhalb Jahren nicht abweichen: Warum bitte hat das Auto keine angebundene Navigation? Ja, jetzt kommt wieder die Android Auto und Apple carplay Fraktion. Ich betone aber noch einmal, dass Android Auto und Apple carplay Navigation keine angebundene auf Elektroautos bezogenen Dateien führen. Heißt im Umkehrschluss, du siehst bei der Navigation über dein Telefon nicht, wie viel Akku du noch am Ziel hast. Ebenso gibt es keine Ladeplanung. Wobei die Kritik am fehlenden Navigationssystem bald endlich sein Ende findet, denn der Anbieter Pump liefert eine App, welche in Kombination mit dem Fahrzeug eine vollwertige Ladeplanung und Navigation bieten soll. Gott sei Dank hat man sich hier der Kritik angenommen.

Das kann man aber bei einem Auto mit knapp 63 kWh schon erwarten. Vor allem, weil er in meinem Test vor knapp eineinhalb Jahren doch schon positiv in Sachen Effizienz aufgefallen ist. Zumindest, wenn man nicht schneller als 130 km/h fährt. Alles in allem fällt mir fast nichts Negatives zu diesem Auto ein. Der Beinraum hinten ist fantastisch. Der Sitzkomfort vorne ist super, auch wenn die Sitze etwas gemütlicher aussehen als sie eigentlich sind. Das ist aber meckern auf hohem Niveau. Und nicht zuletzt natürlich auch der Kofferraum, der für eine vierköpfige Familie absolut ausreichend ist.
Punktabzug gibt es erstens für das nicht vorhandene Navigationssystem, zweitens für die Ladeleistung, die nur bei 100 kW liegt, und an dritter Stelle für die Akku Größe. Klar fahren wir meistens im Alltag nicht so lange Strecken, aber wenn man das mal tut, würden 20 kWh mehr Akku nicht schaden, um dauerhaft ein wirklich charmantes Auto zu fahren, welches nicht viel Geld gekostet hat. Denn 20 kWh bringen auch wieder fast 100 Kilometer mehr Reichweite auf der Autobahn.
 
Wie man dann dazu steht, dass man den Wagen über den Elektronikmarkt Euronics erwirbt und bei ATU in den Service bringt, das ist jedem selber überlassen. Klar ist das jetzt nicht der Optimalfall und die perfekte Experience, wie wenn man zu seinem Händler des Vertrauens geht. Aber haben denn Leute heutzutage noch einen Händler des Vertrauens? Die meisten sind doch nur noch erpicht darauf, online zu kaufen. Eine Attitüde, die ich mit meinen 36 Lebensjahren ehrlich gesagt nicht nachvollziehen kann. Ich liebe noch den Gang zu meinem Autohändler, einen Kaffee trinken und ein bisschen Gequatsche darüber, was alles neu ist, was man schön findet und was nicht. Darüber wirst du weder mit dem Euronics Verkäufer sprechen noch mit dem Kerl, dessen Hände von Öl verschmiert sind, bei ATU.
 
Daumen nach oben also für den vergessenen Bruder, den Aiways U5. Und die Marke aus China hat bereits seinen zweiten Wurf in Planung, nämlich den U6 und dieser ist als Coupe SUV auch noch ein richtiger Hingucker. Außerdem soll der mit mehr Power kommen. Geduld ist gefragt, lange dauert es nicht mehr.

Womit der Wagen mich dann aber letzten Endes vollends überzeugt hat, war der Verbrauch. Zum Drehort gefahren durch München, nach knapp 23 Kilometern, hatte ich nach städtischem Verkehr einen Verbrauch von unter 14 kWh. Ist das zu fassen? Liegt halt vielleicht auch daran, dass dies einer der wenigen SUV ist, der nicht besonders schwer ist mit 1,7 Tonnen. Das Gewicht merkt man in jeglicher Hinsicht!


Weitere Car Maniac E-Auto-Tests auch in der im Oktober erscheinenden Ausgabe 16 des T&Emagazin.

 

Die Ausgabe 16 des T&Emagazin erscheint Anfang Oktober 2022. Sie kann in gewünschter Menge gegen Porto- und Bearbeitungskosten hier vorbestellt werden.

Themenauszug:

  • Abschied vom Verbrennungsfahrzeug
  • Dr. Heiko Behrendt: Tatsächliche Kosten von PkW
  • Christoph Krachten: CO2 Rucksack
  • Prof. Dr. Volker Quaschning fordert eine “Energie Revolution”
  • Dr. Mario Herger: AXA-Showveranstaltung Versicherungsbetrug?
  • Martin Hund: Produktion, Bauformen und Arten von Batteriezellen
  • Car Maniac: Aktuelle E-Auto-Tests
  • Gabor Reiter: Stromspeicher, Powerwall und Megapack.
  • S3XY CARS Community: Hintergründe und Zukunftsaussichten.
  • Elektro-Auto-Camping
  • und vieles andere mehr
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Ein Gedanke zu „Car Maniac: Aiways U5, der vergessene Bruder

  1. Wie so oft kann man diesem Artikel nicht viel Negatives finden. Von den Rechtschreibfehlern mal abgesehen, ist allerdings die Behauptung, dass viele “Leute” (übrigens umgangssprachlich auf einer Ebene mit “plebs”, gemeines Volk und “paxe”) erpicht darauf sein sollen, online zu kaufen, nur die halbe Wahrheit: Denn man muss wohl auch die Beziehungen zwischen Kfz-Herstellern und der Vetriebsschiene bis zum Endkunden betrachten. Die Hersteller sind schon überwiegend dabei, dem Volk Online-Reservierungs- und Kaufmöglichkeiten anzubieten wie vor Jahren schon Tesla das begonnen hat – das früher attraktive Autohaus wird damit zur Abholstation degradiert. Gut: Solange es keinen übergreifenden Pkw-Auslieferungsservice gibt (DAS wäre doch noch eine Geschäftsidee, nicht? Oder wäre das ein neuer Zweig für Amazon?) braucht man die Abholstation noch. Und wenn dann in einigen Jahren die Verbrenner immer weiter rückläufig sind, braucht man die Werkstatt des Autohändlers seines Vertrauens auch immer seltener, von Problemen mit der Technik und Blechunfällen mal abgesehen. Aber da wird es dann auch mehr Bodyshops geben.
    Gab es übrigens schon einen Shitstorm von den “Kerlen, deren Hände von Öl verschmiert sind”? ATU und auch andere Werkstätten müssen sich ja darauf einstellen, dass da in Zukunft immer mehr PCs auf vier Rädern kommen, die es zu warten gilt. Und keine ölverschmierten Verbrenner-Stinker mehr behandelt werden müssen: Das Berufsbild der Schrauber wird sich da auch dramatisch verändern – müssen.

    “…online … kaufen. Eine Attitüde, die ich … ehrlich gesagt nicht nachvollziehen kann”: Dann bist Du der Kunde, der den Facheinzelhandel am Leben hält und Händler wie Amazon meidet wie die Pest? Dann wirst Du in absehbarer Zeit aber genauso verstaubt herumlaufen müssen wie Facheinzelhändler und Autohäuser, denn ein Revival dieser altbewährten Vertriebswege ist sicher nicht in Sicht, eine entsprechende Revolution auf diesem Gebiet auch nicht. Und nebenbei: Auch Tesla, die Du oft lobst, die ja von Anfang an diesen Weg gegangen sind, habe ja im engeren Sinne keine Autohäuser, nur Auslieferungsstationen mit ein wenig Werkstatt.
    Aber auch da wirst Du einen Kaffee bekommen und trinken können und ein bisschen Gequatsche darüber, was alles neu ist, was man schön findet und was nicht. Die Euronics Verkäufer werden sich auch darauf einstellen.

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