Der Berg im Nebel: Zur Strategie der Automobilindustrie

Text von Dr. Heiko Behrendt 

Grafiken von T&Emagazin + Nano Banana

 

Wer kennt nicht Dinge oder Zustände, die man als Mensch einmal im Leben erreichen möchte. Das können Zielzustände sein oder ‚Once in a lifetime‘-Erlebnisse oder Dinge, die man haben möchte.

Zum Beispiel im Kleineren: auf einem bestimmten Berg stehen; oder im Größeren: eine Immobilie besitzen. Dabei handelt es sich um Visionen, die, um es sich besser vorstellen zu können, als gewünschter Ist-Zustand in der Zukunft beschrieben werden sollten. Also: „Ich stehe auf dem 3610 Meter hohen Barrhorn, dem höchsten Gipfel in der Schweiz, den ich als Bergwanderer erreichen kann, ohne mich mit Eis oder Klettern auseinandersetzen zu müssen. Von dort schaue ich bis nach Österreich oder zum Montblanc.“ Um dahin zu gelangen, brauche ich eine Strategie, den vermutlich besten Weg, um dort hinzugelangen, idealerweise mit einem Plan B. Habe ich eine Vision und eine Strategie, besitze ich ein Instrument, um Ja oder Nein sagen zu können. Beispielsweise gibt mir jemand den Tipp, es mit der Normalroute zu versuchen. Die besteht aber fast nur aus Schutt und ich sage Nein. Eine andere empfiehlt, lieber Wanderstöcke zu benutzen, und ich sage Ja, weil es mit Stöcken leichter sein wird und ich deshalb mein Ziel wahrscheinlicher erreiche.


Habe ich eine Vision und eine Strategie, kann ich darangehen, die für diesen Weg nötigen Schritte zu planen, zum Beispiel sehr gute Bergschuhe zu kaufen und diese einzulaufen, zum Beispiel zu trainieren. Alle diese Tätigkeiten machen es sicherer, mein Ziel auch zu erreichen.

 


Eine Vision ist also ein gewünschter Ist-Zustand in der Zukunft, eine Strategie der vermutlich beste Weg dorthin, mit parallelen oder in einer bestimmten Reihenfolge unternommenen Tätigkeiten komme ich dem Ziel Stück für Stück näher.
Für Staaten oder Unternehmen ist dies gleich. Ich kann, wie China, wollen, eine möglichst große Autarkie anzustreben, um mich von anderen Ländern unabhängig zu machen (bzw. nicht erpressbar zu werden), und ich kann, ebenfalls wie China, in kritischen Bereichen (Quasi)Monopole anstreben, mit denen ich Druck auf andere ausüben kann. Beides erhöht meine Macht. Weil fossile Brennstoffe endlich sind oder ich sie mit Devisen importieren muss, setze ich auf Energiequellen, die ich habe, Sonne, Wind und Erdwärme. Ein Teil der Strategie ist, die Mobilität möglichst weitgehend mit Strom sicherzustellen. Als Nebeneffekt bekomme ich eine dezentrale Energieversorgung, die nur mit riesigem Aufwand zerstört werden kann.


Bei uns in Deutschland könnte die Vision eine andere sein: „Wir spielen im Weltmarkt bei Autos weiter eine Rolle“ oder „Wir leben in saubereren und leiseren Städten.“ Die eine ist reaktiv, die andere eher progressiv. Der Weg zu einem neuen Ziel ist immer auch ein neuer Weg. Er ist immer riskanter als ein alter Weg. Deshalb ist es wichtig, eine Strategie auszuarbeiten, die ich schnell an veränderte Bedingungen anpassen kann.


Eine Vision muss daher positiv formuliert sein, mit einer Vision will ich alle Beteiligten mitreißen, will ich, dass alle Beteiligten immer wissen, was zu tun ist. Jede und jeder Einzelne weiß dann immer, wann er Ja oder Nein sagen kann und muss. Gelingt das nicht, werden in der Regel die Beharrungskräfte die überhand gewinnen, weil ihnen das Risiko zu groß oder zu unbekannt ist. Ein Beispiel für eine hervorragend formulierte Vision war einmal BP mit ‚Beyond Petrol‘. British Petrol wollte sein Dasein als Förderer von fossilen Brennstoffen hinter sich lassen und zu einem Energiehersteller werden. Auf diesem Weg kam dann BP als ‚Burning Platforms‘, was möglichweise so viel Geld gekostet hat, dass sie die Vision wieder aufgegeben haben. Es könnte auch sein, dass den Aktionären das Risiko zu groß war. ‚Beyond Petrol‘ war möglicherweise nicht vermittelbar.

 

Solchen Beharrungskräften scheint auch die deutsche Autoindustrie ausgesetzt zu sein. Vielleicht auch, weil in Deutschland generell eine Vision fehlt, wie wir in Zukunft leben wollen. Warum ein Risiko eingehen, wenn unserer Gesellschaft eine klare Vorstellung davon fehlt,wie sie leben möchte.

Das Verbrenner-Aus hat daher keine Kräfte ausgelöst, sondern Ängste.
Die Lobbyisten, welche für ein Aus vom Verbrenner-Aus arbeiten, sind Ausdruck von Angst. Und Politiker, die das machen, was die Lobbyisten durchsetzen wollen, haben ebenfalls Angst
.


Dabei sind deutsche Industriegüter zum Exportschlager geworden, weil sie etwas boten, was andere nicht haben, seien es neue Produkte, sei es die Qualität der Produkte. Dahinter stand einmal die Vision: „Wir sind in soundso viel Jahren die Besten im Markt.“ Davon ist in der Automobilindustrie derzeit nicht viel zu sehen. Der Anspruch, Vorsprung durch Technik zu erreichen, scheint zu bröckeln.

Das defensive Argument, die deutschen Kunden wollen keine Elektromobilität, ist nur ein Abschieben von Schuld auf andere. Es ist der Automobilindustrie doch auch gelungen, den Menschen mit viel Marketing SUV’s aufzuschwätzen. Das sollte auch bei E-Autos gelingen. Das neue Statussymbol, so könnte das Marketing anpreisen, ist nicht ein Porsche, sondern ein Elektro-Porsche. Nur mit dem ist man auf der Höhe der Zeit, nur mit dem kann man sich blicken lassen. Außerdem ist er schneller auf Hundert.
Für E-Kleinwagen könnte Ähnliches propagiert werden. Wie mir scheint, wurden sie kaum angepriesen, um sie anschließend als Flop dastehen zu lassen.


Die (Auto)Industrie in Deutschland könnte auch gemeinsam eine neue Zukunft entwerfen, ein positives Bild von der Zukunft, eine Vision, für die ihre Produkte die Wegsteine sind, auf denen man sie erreicht. Das ist sicher, um im Bild vom Anfang zu bleiben, ein Berg, aber er wäre bekannt und der Weg wäre erkennbar. Und mit hervorragenden Produkten bin ich schneller dahin unterwegs, Vorsprung durch Technik eben.

 

Quelle: Der Beitrag stammt aus der Ausgabe 29 des T&Emagazins


Und das sind die Themen der 29. Ausgabe:

  • Neues aus der Tesla Welt
  • Ende der unrühmlichen FSD-Geschichte: Hoffnung auch für ältere Teslas
  • Der unboxed Process bei Tesla: Fahrzeug Produktion neu gedacht
  • Nachhaltig unterwegs: Mit Tesla Model und BlaBlaCar gegen gängige Mythen
  • Die Herausgeber: Tesla Fahrer und Freunde E.V.
  • Die Herausgeber: Swiss Tesla Days: Das Schweizer Highlight für die Tesla-Community
  • Elektrische Community 2026
  • Strombock: Elektroauto-Förderung 2026: Wie nutzt du die Förderung für dich?
  • Der Pommes-Män im Gespräch: Jenseits der Fritteuse
  • Der Berg im Nebel: Zur Strategie der Automobilindustrie
  • Mobilität: Warum autonomes Fahren alles verändert
  • Außerirdische Intelligenz: KI im Weltall
  • Nachhaltigkeit: Die Quadratur des Dreiecks
  • Osmose-Kraftwerk: Salzkraft
  • Klimaschutz: Eskalation im Klimawandel
  • Fanboy: Grok im Tesla

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