

Elektroautos gelten als unkompliziert. Einsteigen, Fahrstufe wählen, Strom geben. Kein Kupplungspedal, kein Schalten, kein Ölwechsel und keine Diskussion darüber, ob der Motor morgens bei minus zehn Grad heute vielleicht doch lieber liegen bleiben möchte.
Wer allerdings unterwegs Strom benötigt, betritt eine andere Welt. Eine Welt aus Apps, Ladekarten, QR-Codes, Grundgebühren, Blockiergebühren, Roamingtarifen und Preisen, die sich offenbar danach richten, wie gut der Kunde vorbereitet ist.
Willkommen beim öffentlichen Laden – dem einzigen Bereich der Mobilität, in dem man vor Reisebeginn sicherheitshalber einen Volkshochschulkurs besuchen sollte.
Einmal Strom, bitte
An einer gewöhnlichen Tankstelle läuft der Vorgang bislang recht übersichtlich ab:
Zapfsäule auswählen, Kraftstoff einfüllen, Preis bezahlen, weiterfahren.
Das konnte natürlich nicht das Vorbild für die Elektromobilität sein. Wo kämen wir denn hin, wenn man Energie einfach kaufen könnte, ohne vorher ein Benutzerkonto anzulegen?
An der Ladesäule beginnt deshalb zunächst das Auswahlverfahren:
Haben Sie die App des Betreibers?
Nein?
Dann vielleicht die App eines Roamingpartners?
Auch nicht?
Besitzen Sie wenigstens eine Ladekarte?
Welche?
Ach, diese Ladekarte.
Die funktioniert hier leider nur zu einem Preis, bei dem selbst die Ladesäule verschämt auf den Boden blickt.
Natürlich können Sie auch spontan laden. Das nennt sich „Ad-hoc-Laden“. „Ad hoc“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet in diesem Zusammenhang ungefähr: „Sie hätten sich besser gestern Abend informiert.“
Der Strom bleibt gleich – nur der Preis entwickelt Persönlichkeit
Besonders faszinierend ist, dass aus derselben Ladesäule derselbe Strom durch dasselbe Kabel in dasselbe Auto fließt – der Preis aber völlig unterschiedlich ausfallen kann.
Bei einer Untersuchung des ADAC kostete das spontane Laden bei EWE Go beispielsweise 84 Cent je Kilowattstunde. Wer vorher die passende App oder Ladekarte besorgt hatte, zahlte ohne monatliche Grundgebühr nur 52 Cent. Das Ad-hoc-Laden war damit 62 Prozent teurer. Auch bei anderen Anbietern stellte der ADAC teilweise deutliche Unterschiede zwischen spontanem und vertragsgebundenem Laden fest.
Das muss man würdigen: Es handelt sich um ein Geschäftsmodell, bei dem nicht der Strom teurer wird, sondern die Ahnungslosigkeit des Kunden.
Wer spontan laden möchte, bezahlt also gewissermaßen eine Bildungsabgabe. Der Aufpreis erinnert daran, beim nächsten Mal rechtzeitig Apps herunterzuladen, Passwörter anzulegen, Zahlungsdaten zu hinterlegen, E-Mails zu bestätigen und die Allgemeinen Geschäftsbedingungen eines Energieversorgers zu studieren.
Das ist gelebte Digitalisierung.
Früher brauchte man zum Autofahren einen Führerschein. Heute benötigt man zusätzlich einen Bachelorabschluss in Ladetarifmanagement.
Haben Sie unsere App schon heruntergeladen?
Die App ist der natürliche Lebensraum des modernen E-Autofahrers.
Manche Menschen haben auf ihrem Smartphone Fotos ihrer Familie. E-Autofahrer besitzen dort vor allem Lade-Apps.
Eine für den Alltag.
Eine für die Autobahn.
Eine für das Ausland.
Eine als Ersatz.
Eine, weil der Ladepunkt auf dem Supermarktparkplatz zu einem anderen Netzwerk gehört.
Und noch eine, deren Passwort man längst vergessen hat, die aber laut einem Beitrag in einem Internetforum dienstags zwischen 22 und 23 Uhr an drei ausgewählten Säulen in Niedersachsen besonders günstig sein soll.
Wer konsequent elektrisch fährt, kennt irgendwann mehr Stromanbieter als nahe Verwandte.
Beim Familientreffen fragt die Tante: „Und wie geht es eigentlich deinem Cousin Martin?“
Der E-Autofahrer antwortet: „Keine Ahnung. Aber bei Ionity zahle ich mit dem richtigen Vertrag deutlich weniger als im Spontantarif.“
Der Preis ist transparent – sobald man ihn gefunden hat
Immerhin müssen die Preise angezeigt werden. Nach Angaben der Verbraucherzentrale ist an der Ladesäule oder in der App ein Preis pro Kilowattstunde auszuweisen. Zusätzliche Kosten, beispielsweise zeitabhängige Gebühren, müssen ebenfalls kenntlich gemacht werden.
Damit ist eigentlich alles transparent.
Man muss lediglich wissen, welche App zuständig ist, welchem Betreiber die Säule gehört, über welchen Roamingpartner abgerechnet wird, ob eine Grundgebühr anfällt, ab wann eine Blockiergebühr beginnt und ob der Preis an einem Schnelllader, Normallader oder an einem Dienstag mit Vollmond gilt.
Es handelt sich also um dieselbe Art von Transparenz, die auch ein Aquarium besitzt: Man kann grundsätzlich alles sehen – sofern das Wasser nicht trüb ist und sich das Gesuchte gerade nicht hinter einem Stein versteckt.
Die Blockiergebühr wartet bereits
Ist das Auto endlich angeschlossen, beginnt der entspannte Teil des Ladevorgangs.
Zumindest für einige Minuten.
Danach sollte man sicherheitshalber regelmäßig auf das Smartphone schauen. Denn während das Auto Strom lädt, lädt im Hintergrund möglicherweise bereits die Blockiergebühr ihre Argumente.
Die Idee dahinter ist nachvollziehbar: Vollgeladene Fahrzeuge sollen Ladepunkte nicht unnötig belegen. Praktisch entsteht daraus eine neue Freizeitbeschäftigung. Statt in Ruhe zu essen, sitzt der Fahrer im Restaurant und beobachtet den Ladestand wie einen Patienten auf der Intensivstation.
„Möchten Sie noch ein Dessert?“
„Keine Zeit. Mein Auto hat 79 Prozent und in zwölf Minuten beginnt die finanzielle Kernschmelze.“
Besonders schön wird es nachts. Wer im Hotel lädt, kann entweder schlafen oder um 2:47 Uhr aufstehen, um das Auto umzuparken. Elektromobilität hält schließlich fit.
Mehr als 200.000 Ladepunkte – und mindestens ebenso viele Tarifideen
An fehlender Infrastruktur allein liegt das Problem längst nicht mehr. Das Ladesäulenregister der Bundesnetzagentur führte zum 1. Juli 2026 insgesamt 155.264 Normalladepunkte und 54.341 Schnellladepunkte in Deutschland auf.
Deutschland besitzt damit mehr als 200.000 öffentlich gemeldete Ladepunkte – und gefühlt für jeden davon ein eigenes Bezahlkonzept.
Das ist beeindruckend. Andere Branchen schaffen Standardisierung. Die Ladebranche schafft Individualität.
Eine Steckdose zu Hause fragt schließlich auch nicht, ob man Mitglied im Premiumprogramm des regionalen Energiepartners ist. Sie verlangt keinen QR-Code, keine Standortfreigabe und keine erneute Zustimmung zu aktualisierten Datenschutzbestimmungen.
Sie liefert einfach Strom.
Vermutlich ist sie deshalb für das moderne Mobilitätszeitalter vollkommen ungeeignet.
Die Lösung: ein Ladetarif-Abitur
Damit Autofahrer nicht länger unvorbereitet an einer Säule stehen, sollte Deutschland ein verpflichtendes Ladetarif-Abitur einführen.
Die Prüfung könnte aus drei Teilen bestehen:
Im Grundkurs müssen die Teilnehmer erkennen, welcher der sieben QR-Codes an einer Ladesäule tatsächlich den Ladevorgang startet.
Im Leistungskurs wird berechnet, ob ein Tarif mit 11,99 Euro Grundgebühr und günstigerem Kilowattstundenpreis bei 1,7 Fernreisen pro Monat wirtschaftlicher ist als ein Tarif ohne Grundgebühr, aber mit Roamingaufschlag.
In der praktischen Prüfung muss innerhalb von fünf Minuten eine nicht reagierende Ladesäule über eine Hotline freigeschaltet werden.
Wer alle Aufgaben besteht, erhält neben dem Zeugnis eine physische Ladekarte. Diese funktioniert allerdings nur bei teilnehmenden Partnern.
Dabei könnte es so einfach sein
Das Ärgerliche an der Sache ist nicht, dass öffentliches Laden grundsätzlich kompliziert sein müsste. Es ist kompliziert, weil sich eine Vielzahl von Betreibern, Tarifen und Vermittlern zwischen Strom und Steckdose geschoben hat.
Der elektrische Antrieb selbst ist effizient, leise und technisch vergleichsweise simpel. Das Bezahlsystem rundherum wirkt dagegen, als hätten ein Mobilfunkanbieter, eine Fluggesellschaft und ein Steuerberater gemeinsam eine Ladesäule entwickelt.
Dabei wünschen sich die meisten Menschen vermutlich nur drei Dinge:
Stecker einstecken.
Preis vorher erkennen.
Mit einem üblichen Zahlungsmittel bezahlen.
Eine geradezu revolutionäre Vorstellung.
Bis es so weit ist, bleibt öffentliches Laden eine anspruchsvolle Denksportaufgabe. Das Auto plant die Route, berechnet den Verbrauch und konditioniert selbstständig die Batterie.
Der Mensch hat währenddessen die wichtigste Aufgabe:
herauszufinden, welche App er diesmal braucht.
Satirisches Fazit: Das Elektroauto ist längst alltagstauglich. Nun müsste nur noch jemand dafür sorgen, dass man zum Stromkauf keinen eigenen Tarifberater im Kofferraum mitführen muss.
Autor: Michael Selent, KI
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