
Es ist eine Schlagzeile, die sich gut verkauft: Der Weltuntergang sei abgesagt, die Apokalypse falle aus, die Klimaforschung habe sich jahrelang geirrt. Publizisten wie Roland Tichy verbreiten die Botschaft, die ehemalige Familienministerin Kristina Schröder fragt in der “Welt”, ob man jetzt nicht noch einmal über die Klimaziele reden könne – und sogar US-Präsident Donald Trump meldete sich mitten in der Nacht zu Wort und behauptete, der oberste Klimaausschuss der Vereinten Nationen habe seine eigenen Prognosen als falsch eingeräumt.
Anlass für die Aufregung ist eine reale Entwicklung in der Klimaforschung. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Erzählt wird hier eine Geschichte, die mit dem tatsächlichen Vorgang wenig zu tun hat. Prof. Dr. Volker Quaschning, Professor für Regenerative Energiesysteme, hat den Fall in einem Video aufgearbeitet. Wir fassen die zentralen Punkte zusammen.
Worum es überhaupt geht: IPCC, Szenarien und CMIP7
Zunächst zum vermeintlichen “obersten Klimaausschuss”. Gemeint ist der IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change), in Deutschland meist Weltklimarat genannt. Der IPCC regiert nicht und entscheidet keine Politik. Er trägt den Stand der Wissenschaft zusammen und veröffentlicht in mehrjährigem Abstand seine Sachstandsberichte. An diesen wirken hunderte Fachleute aus über 190 Ländern ehrenamtlich mit – Bonuszahlungen für angebliche “Klimahysterie” gibt es nicht.
Wichtig für die Einordnung: Die Klimaszenarien, über die jetzt gestritten wird, stammen streng genommen gar nicht vom IPCC selbst. Sie werden im Rahmen des Coupled Model Intercomparison Project (CMIP) entwickelt, genauer im Ausschuss ScenarioMIP unter dem Dach des Weltklimaforschungsprogramms (WCRP). Dieses neue Szenario-Rahmenwerk – CMIP7 – bildet die Grundlage für den siebten Sachstandsbericht (AR7), der für 2028/2029 geplant ist. Von einem “Klimarat, der heimlich im Hinterzimmer ein Szenario streicht”, kann also keine Rede sein. Es handelt sich um einen normalen, transparenten wissenschaftlichen Prozess.
Szenario ist keine Prognose
Der entscheidende Denkfehler in vielen Berichten: Szenarien werden mit Prognosen verwechselt. Eine Prognose wäre die Aussage, wie viel Geld jemand in einem Jahr auf dem Konto hat. Ein Szenario lautet dagegen: Wie viel Geld läge auf dem Konto, wenn man ab heute jeden Monat 500 Euro zurücklegt? Oder: wenn man im Lotto gewinnt? Drei völlig unterschiedliche Ergebnisse, abhängig vom Verhalten.
Genauso arbeitet die Klimaforschung. Wie sich das Klima entwickelt, hängt davon ab, wie viel CO₂ wir ausstoßen. Deshalb werden mehrere Entwicklungspfade durchgerechnet – vom ambitionierten Klimaschutzszenario (SSP1-1.9) bis zum bisherigen Extremszenario SSP5-8.5, das von einer Verdreifachung der Emissionen bis 2100 ausging und eine Erwärmung von rund 5 °C bedeutet hätte. Dass die Forschung mehrere Szenarien rechnet, ist kein Zeichen von Unsicherheit, sondern von wissenschaftlicher Sorgfalt.

Warum SSP5-8.5 jetzt verschwindet
Der Grund für die Streichung ist eine gute Nachricht: Der weltweite Ausbau der erneuerbaren Energien bremst den Anstieg der fossilen Emissionen inzwischen so deutlich, dass das Extremszenario schlicht unrealistisch geworden ist. SSP5-8.5 hätte unter anderem eine Verfünffachung des Kohleverbrauchs vorausgesetzt.
Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung in China: Seit Ende 2023 steigt die Stromerzeugung aus fossilen Kraftwerken dort trotz weiter wachsendem Strombedarf nicht mehr an – wegen des massiven Ausbaus von Solar- und Windkraft. Weltweit hat der Zubau der Erneuerbaren das Wachstum der fossilen Stromerzeugung in den vergangenen beiden Jahren faktisch zum Stillstand gebracht. Vor 20 Jahren, vor dem großen Ausbau der Erneuerbaren, war SSP5-8.5 dagegen ein durchaus plausibler Pfad.
Mit anderen Worten: Das Szenario wird nicht gestrichen, weil sich die Forschung geirrt hätte, sondern weil sich die Welt verändert hat – und zwar in die richtige Richtung. Genau jene Akteure, die nun die Streichung feiern, kämpfen vielfach gegen den Ausbau erneuerbarer Energien, der diese Verbesserung überhaupt erst möglich gemacht hat.

Keine Entwarnung: Auch +3 °C sind gefährlich
Entscheidend ist: Das Streichen des schlimmsten Szenarios ist alles andere als eine Entwarnung. Aktuell wird davon ausgegangen, dass die globale Erwärmung bis 2100 zwischen 2,5 und 3 °C landet, wenn alle Länder ihre Klimaschutzzusagen einhalten – was derzeit ebenfalls nicht gesichert ist.
In diesem Bereich werden mit hoher Wahrscheinlichkeit gefährliche Klimakipppunkte angestoßen: das Abschmelzen des Grönlandeises mit einem langfristigen Meeresspiegelanstieg von rund sieben Metern, das Verschwinden der Korallenriffe, Probleme bei der Trinkwasserversorgung durch schmelzende Gebirgsgletscher und veränderte Monsunregen. Nicht ausgeschlossen wäre dann sogar ein Versiegen der Atlantischen Zirkulation (Golfstrom) – für Europa eine klimatische Katastrophe mit deutlich kälteren, trockeneren Bedingungen und massiven Folgen für die Landwirtschaft.
Für eine bedrohliche Zukunft braucht es also kein 5-Grad-Szenario. Schon 3 °C reichen aus, um die Lebensgrundlagen in weiten Teilen der Welt zu gefährden. Die Aussagen der Klimaforschung zur Klimakrise wurden in keinem Punkt korrigiert oder zurückgenommen.

Wie der Diskurs verdreht wird – und wie es richtig geht
Quaschning macht in seinem Video deutlich, wie unterschiedlich Medien mit der Nachricht umgegangen sind. Boulevard- und teils etablierte Titel sprachen von angeblich “völlig falschen Prognosen” oder gar von “fehlerhafter Klimaforschung” – obwohl es weder Prognosen noch Fehler gab. Als Kronzeuge taucht stellenweise sogar ein Autor auf, dessen eigene Vorhersage eines Temperaturrückgangs sich längst als falsch erwiesen hat.
Es geht aber auch seriös. Watson titelte sinngemäß, der Weltklimarat streiche das schlimmste Szenario, dies sei aber keine Entwarnung. Auch “Die Zeit” und der “Tages-Anzeiger” ordneten ein, dass es ohne Worst-Case-Szenario schlimm genug bleibt. Diese Beispiele zeigen, dass eine faktenbasierte Berichterstattung möglich ist – wenn man den Unterschied zwischen Szenario und Prognose ernst nimmt.

Fazit
Die Klimaforschung hat keinen Rückzieher gemacht. Geändert hat sich nur die Grundlage für künftige Modellrechnungen – und das, weil die globale Energiewende wirkt. Das ist ein echter Hoffnungsschimmer, aber kein Grund zur Entwarnung und schon gar kein Argument, an der Klimawissenschaft zu zweifeln. Die eigentliche Lehre: Wer den Erfolg der Erneuerbaren feiern will, sollte sie ausbauen – nicht ausbremsen.
“Das Szenario wird nicht gestrichen, weil sich die Forschung geirrt hätte, sondern weil sich die Welt verändert hat – und zwar in die richtige Richtung.”
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