Bekenntnis zum Ökoterrorismus

Ich sage es mal so: Mein persönlicher Kleber ist getrocknet.

In den letzten Wochen echauffiert sich die Nation über Menschen, die Tomatensoße gegen Glasscheiben in Museen werfen, von Autobahnbrücken abseilen und sich mit ihren Händen an die Straße kleben. Aua. Das tut weh – aber in beide Richtungen.

Aktionen lösen Gegenreaktionen aus. Selbst wenn wir es nur als Butterfly-Effekt einordnen, verändern Dinge Dinge. Es ist die Intention von spektakulär Handelnden: Die Öffentlichkeit soll aufgerüttelt werden. Umweltaktivist:innen machen auf ihr Anliegen aufmerksam, sind davon überzeugt, Richtiges zu tun. Sie finden damit aber nicht immer Freund:innen.

Umweltaktivist:innen seilen sich von einer Autobahnbrücke ab. Foto: Jörg Bergstedt

Ein Vorwurf, den sich die „Fridays for Future-Bewegung“ nicht selten anhören darf: „Viel zu lieb, viel zu unkonkret und zu wenig Praxisbezug.“ Infolge gehen Jugendliche nicht nur in zahmen Herden Schulstreikender ins Freie, sie bücken sich auch noch und sammeln in Innenstädten Abfall auf. Herzlichen Glückwunsch. Wenn das nun, neben der städtischen Straßenreinigung, auch noch die jungen Leute für mich wegräumen, kann ich ja noch ungenierter meinen Unrat auf die Gasse schmeißen.

Meine These: Größere Effekte hat es, wenn es ungemütlich wird. Aufmerksamkeit bekommt, wer schreit. Es ist außer Frage, dass es jede Menge Gründe zum Schreien gibt. Wie wir aus wissenschaftlichen Quellen wissen, ist dringender Handlungsbedarf geboten und die Klimapolitik kommt diesem nur schleppend nach.

Daher habe ich Respekt vor konkret Handelnden, auch wenn mir persönlich der eine oder andere Ansatz, aus Sicht eines nicht ganz unerfahrenen Mitfünfzigers, gelinde gesagt naiv und aus der Zeit gefallen vorkommt. Denn strategisch zweifelhaft ist, wenn niemand die Aktionen jugendlichen Übereifers toll findet.

Auch in meiner persönlichen Biografie, als Öko der 80er und 90er Jahre, waren zuweilen Aktivitäten spektakulär, teils sogar illegal. Meine Wegegefährt:innen und ich waren uns sicher, das Richtige zu tun. Manches Mittel war uns recht, das als nicht ganz sauber bezeichnet werden könnte.

So habe ich, anonym handelnd, Sachbeschädigung begangen und der ideologischen „Gegenseite“ materiellen Schaden zugefügt. Meine damalige Überzeugung: Ich tue das Richtige.

Illegale Aktionen von mir fanden sich auf der Rückseite der BILD und der Vorderseite der taz. Manch Leser:innen hielten das damals möglicherweise ebenfalls für Ökoterrorismus. Andere machten sich vielleicht erstmals Gedanken darüber, dass mit meinen dokumentierten Aktivitäten objektives Unrecht angesprochen wurde. Öko-Terror geht meiner Ansicht nach vor allem von rücksichtslosen Unternehmen und fehlgeleiteten Menschen aus – damals wie heute.    

Ein Beispiel aus dem Themenkomplex „autonomer Tierschutz“: Ich war nicht ganz unschuldig, dass eine Pelztierfarm Geschichte wurde. Unter übelsten Umständen fristeten dort Marder, Silberfüchse und Waschbären ein jämmerliches Dasein, bis zu der Nacht, in der sie befreit wurden und dem Pelztierfarmer seine wirtschaftliche Existenz nachhaltig zerstört wurde – illegal.

Historische Aufnahme. Foto: Timo Schadt

Während die Füchse „gestohlen“ und für ein besseres Leben per Klein-LKW mitgenommen wurden, wurden die Frettchen und Waschbären freigelassen. Die mit der Freiheit nicht klarkommenden, arg domestizierten Marder fielen Tags drauf dem Straßenverkehr und mobilisierten Jägerscharen zum Opfer. Die Nachkommen der anpassungsfähigen Waschbären hingegen beleben – bis heute eher erfolglos verfolgt – Nord- und Osthessen.

 

Historische Aufnahme. Foto: Timo Schadt

Als junger Tierschützer habe ich aus Mitleid handelnd und persönlichem Handlungsdruck rechtliche Grenzen überschritten, persönliche Konsequenzen riskiert und „Faunenverfälschung“ durch Auswilderung von Tieren begangen, die vielleicht – da streiten sich aber die Wildbiologen – nicht nach Deutschland gehören.

Meiner persönlichen Überzeugung nach ist es zuweilen legitim Grenzen zu überschreiten, um Missstände anzusprechen, idealerweise auch zu beheben. Jugendliche Radikalität trifft auf altersbedingte Weisheit: Ich bin da heute weit weniger konsequent im Alltag, esse sogar wieder Fleisch.

Aktivitäten können aber durchaus auch schief gehen, wie ein weiterer Fall aus meiner grauen Vergangenheit zeigt: Es begab sich, dass ein rechtsradikaler Schulleiter von einer Elterninitiative unter meiner Mitwirkung aus diesem Tätigkeitsfeld entfernt wurde. Unsere Argumente zogen, er durfte nicht mehr lehren. Er wurde allerdings durch die hessische Landesregierung nach oben versetzt zum Schulamtsleiter. In neuer Funktion „entdeckte“ und protegierte er – so ist es überliefert –  einen Lehrer gleicher Gesinnung, der heute einer Landtagsfraktion im Nachbarbundesland vorsitzt und in rechtsextremistischen Kreisen als Ikone gilt. Butterfly-Effekt?

Historische Aufnahme der Bohrinsel-Baustellen-Besetzung im schleswig-holsteinischen Wattenmeer

Ein politischer Erfolg dagegen: Im Rahmen der Kampagne „Texaco, raus aus dem Wattenmeer“ wurde der Mineralölkonzern von uns seinerzeit attackiert. Das Vorhaben des Konzerns, im schleswig-holsteinischen Wattenmeer nahe der Vogelschutzinsel Trischen, Öl zu fördern, konnte letztlich mit spektakulären Aktionen und einem Boykottaufruf verhindert werden. So wurde unter anderem die Baustelle der Bohrinsel „Mittelplatte“ besetzt – rechtlich ein Hausfriedensbruch.

Historische Aufnahme: Dauerbesetzung vor einer Tankstelle in Hamburg. Foto: Timo Schadt

Wir machten mit einer Dauerbesetzung einer Hamburger Texaco-Tankstelle bundesweit auf die Problematik aufmerksam. Ein Effekt war, dass die BILD “die billigste Tankstelle Deutschlands” betiteln konnte, was nicht wenige Schnäppchenjäger anlockte. Große Schlangen bildeten sich. Wenig Gegenliebe erhielten wir für unsere Aktion hingegen seitens des unmittelbar benachbarten Rotlichtmilieus. Die von uns erzeugte Polizeipräsenz war dem nicht ganz so recht und das Ganze für uns dadurch nicht ganz ungefährlich. 

Texaco gab letztlich durch massiven öffentlichen Druck ihre Pläne zur Bohrinsel auf. Nach einer Umbenennung in DEA verschwand wohl auch aufgrund des mit alledem verbunden Imageschadens die Marke „Texaco“ gänzlich aus Deutschland.

Mein letztes Beispiel hat sogar regelrecht versöhnliche Züge: Als McDonalds sich seinerzeit erstmals in meiner Heimatregion ansiedelte, organisierte ich eine Demonstration. Gründe dafür waren vermeintlich schlechten Arbeitsbedingungen, zu viel Müll, minderwertige Lebensmittel und daraus resultierende Gesundheitsbedenken. Ein Bündnis aus Gewerkschaftsjugend, Roter Kreuzjugend und verschiedenen Jugend-Umweltgruppen, Parteijugenden aller Couleur – rund 150 Menschen – zog mit Transparenten und Fackeln durchs hessische Kirchheim. Das war schon sehr bedrohlich für den McDonalds Lizenznehmer, wie er mir später erzählte. Denn aus den folgenden Aktivitäten entstand ein regelrecht konstruktiver Dialog.

Historische Aufnahme. Foto: Timo Schadt

In weiteren Aktionen sammelten wir am Straßenrand Abfall der Fast-Food-Filiale und brachten ihn zum Ursprungsort zurück: Der Verkaufstheke. Ich übergab einen Teller und eine Tasse, auf die wir „künstlerisch wertvoll“ das Logo von McDonalds angebracht haben. Kaffee und Pommes wurde uns bereitwillig in mitgebrachtes Mehrweggeschirr gefüllt: ein Novum.

Laut Schilderung meines Gegenübers, der auch Vorsitzender der deutschen McDonalds-Lizensnehmer-Vereinigung war, hat er den Teller und die Tasse mit dem Logo anschließend bei einer Lizensnehmer-Versammlung präsentiert. Hier soll nach seinen Angaben die Idee McCafé entstanden sein. In möglicher Folge unserer Anti-Fast-Food-Initiativen waren zudem nicht nur in seinen drei Filialen Betriebsräte üblich, Schaumstoffverpackungen verschwanden, wurden durch Papier ersetzt und Bio-Produkte ins Programm aufgenommen. McDonalds reagierte mit Nährwertangaben auf Verpackungen und Modifikation von Rohstoffen. Das Unternehmen versuchte in Deutschland insgesamt einem drohenden Imageschaden entgegenzuwirken. Nicht wie Texaco auf der Preisschiene, sondern durch vernünftige Veränderungen.

Die Anti-Atombewegung konnte ohne Zweifel in Deutschland dazu beitragen, dass Atomenergie nun zeitnah ein Ende findet. Proteste von Klimaschützern tragen dazu bei, die entsprechenden Themen in den Köpfen aufzurufen. Ob alle Mittel dazu recht sind, kann bezweifelt werden. Wichtig aber ist, dass etwas passiert und wir uns vielleicht sogar selbst daran beteiligen. Je nach persönlicher Lebensphase darf Handeln durchaus mal spektakulärer Natur sein. Sympathische Formen der Öffentlichkeitsarbeit erreichen im Zweifel weniger Aufmerksamkeit als Laute und Schrille. Latsch-Demos erscheinen von außen betrachtet befremdlich, je nach Größe belächelnswert oder vielleicht sogar bedrohlich. Sich von Brücken abzuseilen und auf Straßen zu kleben kommt in der Breite der Bevölkerung überwiegend schlecht an. Wenn Menschen diese Aktionsformen wählen, sind sie allerdings keine Terroristen, sondern versuchen etwas zu tun. Davor habe ich Respekt. Ich war auch mal jung.

 

 

 


 

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  • Elektromobilität – Timo Schadt: Ein persönlicher Befreiungsschlag – Weg vom Verbrenner!
  • Elektromobilität – Christoph Krachten: E-Auto-CO2-Bilanz
  • Elektromobilität – Dr. Heiko Behrendt: PKW Kosten
  • Elektroauto Guru – E-Autos zu teuer wegen Strompreis?
  • Elektromobilität – Car Maniac E-Auto-Tests
  • T&Etalk – Rückblick: Campen mit E-Auto
  • T&Etalk – Tesla AI Day II, Jahresbilanz Energie- & Verkehrswende
  • Technophilosoph – Dr. Mario Herger zum AXA-Skandal
  • Klimaschutz – Prof. Volker Quaschning fordert eine Energie-Revolution
  • Klimaschutz – Dr. Heiko Behrendt: Darmstadt, Toulouse reloaded – Dürre
  • Innovator – Gespräch mit Martin Hund
  • Wirtschaft – Christof Reichel: Meilensteine kreativen Auto-Designs
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2 Gedanken zu „Bekenntnis zum Ökoterrorismus

  1. Schade, dass in diesem Magazin auch das unsägliche Gendern Einzug gehalten hat. Man passt sich halt dem links-grünen Mainstream an. Es gab mal eine Zeit, da waren Tesla-Fahrer die Revolutionäre und haben sich gegen die vorherrschende Meinung gestellt.

    1. Wir haben uns für “das unsägliche Gendern” entschieden und sehen das als fortschrittliche Entwicklung an. Wir sind dabei möglicherweise in den Augen einzelner lediglich Insider verstehen uns aber traditionell als Trendsetter 😉

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