Branchenkenner über E-Mobilität in der Autovermietung: “90 Prozent der Kunden fragen nach Tesla”

Autovermietung Hertz Tesla
Foto: Hertz

Das T&Emagazin sprach mit Branchen-Kenner Oliver Godisch über den Großeinkauf des Autovermieters Hertz bei Tesla.

Hertz hat letzte Woche 100.000 Teslas bestellt, wahrscheinlich alles Model 3. Dies ist der größte Einzelkauf von Elektroautos bisher. Mindestens 4,2 Milliarden Dollar hat Hertz laut Medienberichten bezahlt. Tesla rutschte dadurch auf einen Börsenwert von einer Billion Dollar, als erster Autohersteller überhaupt. Die Auslieferungen von Tesla an Hertz sollen bereits ab November beginnen und bis Ende 2022 sollen alle Fahrzeuge geliefert worden sein. Vielleicht kommen sogar noch mehr dazu: Laut Hertz könnten insgesamt bis zu 200.000 Teslas bestellt werden.

Oliver Godisch ist selbst begeisterter Tesla-Model-X-Fahrer und Geschäftsführer der Hekubar GmbH, Betreiber von VoltRENT.de und Agenturpartner der Europcar Autovermietung – EMobG Services Germany GmbH (vormals Europcar Autovermietung GmbH) in Remscheid.

T&Emagazin: Der Autovermieter Hertz hat 100.000 Tesla bestellt. Europcar hat keine Tesla-Fahrzeuge im Pool. Wird man da nachziehen?

Oliver Godisch: Der Hertz-Deal ist eine große Überraschung und ein deutliches Zeichen für die gesamte Branche. Gerade in der klassischen Autovermietung sind bislang kaum Strukturveränderungen hinsichtlich der bereits in vollem Gang befindlichen Transformation zur Elektromobilität erkennbar. Hertz scheint hier aus der angespannten Situation der letzten eineinhalb Jahre, welche sie zeitweise in die Insolvenz getrieben hat, gelernt zu haben und ihr Geschäftsmodell fundamental überdacht zu haben. Als Agenturpartner der Europcar Autovermietung und überzeugter Elektroautofahrer beobachte ich diesen Deal natürlich mit großem Interesse. Europcar ist ja jüngst von Volkswagen akquiriert worden und der Kauf wird in den kommenden Wochen vollzogen. Was uns dann strukturell erwartet, bleibt abzuwarten. Ob ein Einkauf von Tesla Fahrzeugen in dem Zusammenhang geplant ist, lässt sich kaum erahnen. Grundsätzlich würde ich behaupten, dass eher Fahrzeuge des VAG Konzerns eingesteuert werden, jedoch hat der aktuelle Microchip- und Rohstoffmangel wilde Auswirkungen auf die Automobilindustrie – nichts ist planbar.

T&Emagazin: Wie ist aktuell die Nachfrage nach Elektroautos bei euch – oder generell in der Autovermietung?

Oliver Godisch: Leider ist die Nachfrage nicht besonders stark. Es liegt sicher auch an der Art und Weise, wie die „großen” Autovermieter E-Autos anbieten und bewerben, jedoch ist die Kundschaft auch wenig offen für das Thema. Wir spüren, dass kaum ein Kunde sich – aus seiner Sicht – in ein Abenteuer stürzen möchte. Unsere Kundschaft besteht zu einem großen Teil aus Firmenfahrern. Hier geht es primär darum, möglichst schnell und unkompliziert zu seinen Geschäftsterminen reisen zu können. Da spielen Kosten keine Rolle für die Fahrer, da die Firma zahlt, und daher bleibt man bei dem, was man kennt und wo man sich keine Gedanken machen muss. Selbst in hochpreisigen Segmenten, wie etwa im Unfallersatzgeschäft, ist der Bedarf an Elektroautos noch nicht erkannt. Weder die Versicherungen, noch die Flottenstruktur berücksichtigen den Bedarf von Elektroautos. Wir E-Fahrer wissen ja selbst, was wir als Ersatzwagen bei einem Unfallereignis nicht haben wollen…

Foto: privat

T&Emagazin: Welche Modelle werden am meisten nachgefragt?

Oliver Godisch: In 90 Prozent aller Fälle fragen interessierte Kunden nach Tesla. Die meisten Kunden würden gerne das ausprobieren, was sie über Tesla gehört haben. Ein sehr dynamisches Smartphone auf Rädern. Leider können wir diese Anfragen aus der Europcarflotte nicht bedienen. Dafür haben wir im Juni mit Voltrent gestartet und bieten diesen Kunden unsere eigenen Tesla an. Wegen der steigenden Nachfrage haben wir den Marktstart sogar vorgezogen.

T&Emagazin: Sind die Kunden, die sich ein E-Auto mieten in der Regel Verbrenner-Fahrer, die es zum Beispiel einmal ausprobieren wollen, oder E-Auto-Fahrer?

Oliver Godisch: Wir haben kleine Elektroautos bei einem unserer Kunden laufen. Der Kunde berteibt eine Werkstatt und bietet seinen Kunden unsere Fahrzeuge als Werkstattersatzfahrzeuge an. Das kommt ganz gut an, jedoch bedarf es erst oft einen Moment der Überzeugung. Bei der Anmietung regieren die Kunden oft reserviert und würden eigentlich gern ein anderes Auto haben. Wenn sie allerdings wieder zurückkommen, sind sie beinahe ausnahmslos begeistert. Das macht mich immer ziemlich happy, zumal selbst Renault Zoe oder Citroen DS3 E-Tense als Kleinwagen diesen Wow-Moment hervorrufen. Ansonsten mieten meist Elektroautofahrer E-Autos bei uns, um die Übergangszeit bis zur Auslieferung ihrer Neuwagen zu überbrücken, oder als Ersatzfahrzeug, wenn das eigene Auto zum Beispiel verunfallt ist oder in der Werkstatt steht. Hier lässt sich eine gewisse Abenteuerlust erkennen. Man merkt deutlich, dass die Kunden Spaß daran haben, andere Elektroautos auszuprobieren. Natürlich haben wir auch Verbrennerfahrer, die das E-Auto einmal ausprobieren möchten. Das ist allerdings die Minderheit.

T&Emagazin: Wie hoch ist der Anteil der E-Fahrzeuge in eurem Pool?

Oliver Godisch: Aktuell haben wir in unserem Fahrzeugpool im Schnitt gerade einmal 3 bis 5 Elektroautos.

Autovermietung Hertz Tesla
Fotos: Hertz

T&Emagazin: Hertz will angeblich die Flotte langfristig komplett auf Elektroautos umstellen. Europcar auch?

Oliver Godisch: Da Europcar sich gerade in der Vorbereitung des Übergangs in den VAG Konzern befindet, liegen mir keine strategischen Informationen vor. Man kann nur hoffen, und ich glaube fest daran, dass die strategische Implementierung von Elektroautos einer der Kernpunkte für Volkswagen sein wird.

T&Emagazin: Ist es vorstellbar, dass der neue Europcar-Besitzer VW überhaupt Tesla-Fahrzeuge in den Pool aufnehmen wird?

Oliver Godisch: Wie eingangs bereits thematisiert, wäre es unter normalen Umständen in der Automobilindustrie kaum vorstellbar, dass Tesla Einzug in die Flotte erhält. Da Tesla laut Elon Musk selbst Hertz bei Abnahme von 100.000 Fahrzeugen keine Rabatte gewährt, würde es mit der bisherigen klassischen betriebswirtschaftlichen Kalkulation in der Autovermietbranche kollidieren. Nun stellt die aktuelle Situation allerdings eine besondere Herausforderung in Sachen Fahrzeugversorgung dar. Die OEMs können kaum noch liefern, die Fahrzeugflotten werden knapp und die Branche steht unter einem enormen Druck. Ich bin überzeugt, dass derjenige, der sich jetzt traut, unkonventionelle Wege zu gehen, als Gewinner aus der Krise hervorgehen kann. Ich würde mir wünschen, dass seitens der Managements alle Optionen in Betracht gezogen werden und Mut für Neues bewiesen wird. Als Aktionär und eingefleischter Tesla Enthusiast würde es mich stolz machen, bald das ein oder andere Model 3 oder Model Y unter der Marke Europcar anbieten zu können.

T&Emagazin: VW will Europcar wieder übernehmen und zur „Mobilitätsplattform” ausbauen, auch Auto-Abos, Carsharing oder sogar neue Vertriebsstruktur anbieten. Ist das Deiner Ansicht nach die richtige Strategie?

Oliver Godisch: Die klassische Autovermietung steht vor einem Wandel, wie die gesamte Automobilindustrie. Es müssen meiner Ansicht nach neue Wege beschritten werden. Es ist ja noch nicht bekannt, wie diese Strukturen aussehen könnten. Aber ich freue mich, wenn ich gegebenenfalls in einem Jahr rückblickend sagen könnte, dass wir mit der Marke Europcar und dem VAG Konzern einen großen Schritt in die Zukunft gegangen sind und weiterhin ein wesentlicher Teil des sich stark verändernden Marktes sind.

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