Wie das deutsche Ingenieurs-Imperium auf Innenbeleuchtung schrumpfte & jetzt auf ein Start-up aus Hangzhou hofft

Satirischer Kommentar von Michael Selent
Es gibt Sätze, die schreiben ganze Industriegeschichten in sieben Worten. Ein Opel-Entwickler hat so einen geliefert: „Uns sind nur Licht und Sitze geblieben.” Man muss das sacken lassen. Rüsselsheim. Die Stadt, in der einst der Omega erdacht wurde, ganze Fahrzeugarchitekturen, ein Stück deutscher Auto-DNA. Heute: Licht. Und Sitze. Immerhin die zwei Dinge, die man braucht, um im Dunkeln bequem zuzusehen, wie andere die Zukunft bauen.
Die nackten Zahlen lesen sich wie ein Krimi ohne Kommissar: Wo vor einem Jahrzehnt 7.000 Ingenieurinnen und Ingenieure arbeiteten, sind es heute noch 1.650 – und die nächste Abbauwelle ist bereits beschlossen. Künftig sollen noch 1.000 übrig bleiben. Von 7.000 auf 1.000. Das ist kein Stellenabbau mehr, das ist Archäologie in Echtzeit.
Und wer soll’s jetzt richten? Ein Start-up. Aus China. Gegründet 2015 – da feierte Opel bereits seinen 153. Geburtstag. Der nächste Elektro-SUV soll zu wesentlichen Teilen in China entwickelt werden: Antrieb, Batterie und die komplette Elektro- und Digitalarchitektur kommen von Leapmotor. Rüsselsheim kümmert sich um Lenkung, Sitze und Licht. Also um alles, womit der Kunde „direkt in Kontakt kommt” – das klingt erstmal wichtig, bis man merkt: Mit dem Lichtschalter kommt der Kunde auch in Kontakt. Das Herz, das Hirn und das Nervensystem des Autos kommen aus Hangzhou. Aus Deutschland kommt das Sitzpolster. Made in Germany, gepolstert in Würde.
Der Konzern verkauft das selbstverständlich als Aufbruch. Opel-Chef Huettl spricht von einer „Pionierrolle”. Pionier! Das stimmt sogar – Opel betritt tatsächlich Neuland: Es ist das erste Mal, dass dort, wo einst das Selbstbewusstsein deutscher Ingenieurskunst saß, vor allem integriert, angepasst und markenspezifisch übersetzt wird. Früher hat man Autos erfunden, heute übersetzt man sie. Vom Entwicklungszentrum zum Übersetzungsbüro – die wohl leiseste Degradierung der deutschen Industriegeschichte.
Das wirklich Bittere daran: Es ist vermutlich die richtige Entscheidung. Denn die Partnerschaft soll ermöglichen, das Fahrzeug in weniger als zwei Jahren zu entwickeln. Zwei Jahre! Eine Zahl, bei der europäische Autokonzerne traditionell erst die Lenkungskreise zur Vorbereitung der Arbeitsgruppen einberufen. Während man hierzulande jahrelang über „Technologieoffenheit” philosophiert und Plattform-Strategien in PowerPoint gießt, hat Leapmotor einfach geliefert: 2025 verdoppelte das Unternehmen seine Auslieferungen auf knapp 600.000 Fahrzeuge, schrieb erstmals einen Nettogewinn – und fertigt rund 65 Prozent aller Kernkomponenten selbst. Ein Zehnjähriger überholt einen 163-Jährigen. Nicht weil er talentierter ist – sondern weil der Alte am Streckenrand stand und diskutierte, ob Laufen überhaupt die richtige Fortbewegungsart ist.
Und damit niemand denkt, hier fehle der Plot-Twist fürs Drehbuch: Ex-Stellantis-Chef Tavares hat über die Motive des Partners bereits öffentlich Klartext gesprochen – „Sie wollen uns eines Tages schlucken.” Man holt sich also den Retter ins Haus, von dem der eigene Ex-Chef sagt, er wolle einen fressen. Das ist keine Industriestrategie mehr, das ist ein Märchen der Gebrüder Grimm – und wir wissen alle, wie es der Großmutter erging.
Die eigentliche Pointe dieser Geschichte sitzt aber nicht in Rüsselsheim und nicht in Hangzhou. Sie sitzt in den Chefetagen und Ministerien, die zwei Jahrzehnte lang so taten, als sei das E-Auto eine Modeerscheinung, als könne man die Transformation aussitzen wie einen Regenschauer. Es trifft nicht die Beschäftigten, die diese Autos jahrzehntelang großartig entwickelt haben – es trifft sie nur zuerst. Die Ingenieure von Rüsselsheim haben nicht verlernt, Autos zu bauen. Man hat ihnen nur jahrelang nicht erlaubt, die richtigen zu bauen.
Bleibt die Hoffnung, dass das neue Bündnis funktioniert und 2028 ein bezahlbarer Elektro-Opel vom Band läuft. Mit chinesischem Herzen, spanischer Geburtsurkunde und deutschem Sitzkomfort. Der Blitz im Logo zuckt dann zwar nur noch dekorativ – aber hey: Wenigstens das Licht ist noch von uns.

Und das sind die Themen der 30. Ausgabe:
- Neues aus der Tesla Welt
- Die Revolution der Patentstrategie bei Tesla
- Grünere Energienetze dank Einsatz von KI
- Die Herausgeber: Elektrische von Paris nach Dakar und zurück
- Neues zur elektrischen COMMUNITY 2026
- Strombock: Höhere Benzinpreise, der perfekte Moment für den Umstieg !
- Unser Manifest und Petition für eine zukunftsorientierte Transformation Deutschlands
- Reisebericht: Mit Model X & Grok durch Schottland
- Die Herausgeber: Tesla Fahrer & Freunde e.V.
- Besuch im Geothermiekraftwerk
- Powerwall 3P: Erstmals dreiphasiger Heimspeicher von Tesla
- Fanboy: Terafab
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