

Wie gerät ein Mensch in eine Welt, in der abgeschleppte Autos zum Beweis einer politischen Verfolgung werden, tote Passagiere angeblich nur präparierte Leichen sind und selbst Edward Snowden plötzlich als Teil einer geheimen Inszenierung gilt? Und wie findet man aus einer solchen Gedankenwelt wieder heraus?
Stephan Bartunek kennt beide Seiten. Der österreichische YouTuber war nach eigener Aussage rund sechs Jahre Teil der Verschwörungsszene, engagierte sich etwa eineinhalb Jahre bei den sogenannten Mahnwachen für den Frieden und bewegte sich zeitweise im Umfeld von Ken Jebsen. Heute arbeitet er diese Zeit öffentlich auf.
In unserem „Video der Woche“ spricht Bartunek auf seinem YouTube-Kanal „Oida, Bartunek!“ ungewöhnlich offen über die Menschen, denen er begegnet ist, die Mechanismen der Radikalisierung und die persönlichen Folgen seines damaligen Verhaltens. Das Gespräch ist stellenweise derb, wütend und sehr persönlich. Gerade dadurch wird jedoch sichtbar, was nüchterne Analysen häufig nur abstrakt beschreiben: Verschwörungsdenken verändert nicht allein politische Ansichten, sondern Beziehungen, Gefühle und schließlich das gesamte Bild der Wirklichkeit.
Von der Friedensbewegung in die Verschwörungsszene
Bartunek beschreibt seinen Einstieg nicht als bewusste Hinwendung zum Rechtsextremismus. Wie viele andere sei er über Themen wie Frieden, Überwachung, Medienkritik und die Enthüllungen Edward Snowdens in die Szene gelangt.
Solche Ausgangspunkte sind zunächst weder extremistisch noch verschwörungsideologisch. Die Überwachung durch die NSA war real, politische Entscheidungen dürfen kritisiert und Medienberichte hinterfragt werden. Problematisch wird es, wenn berechtigte Kritik in ein geschlossenes Weltbild übergeht, in dem nahezu jedes Ereignis auf geheime Akteure und verborgene Pläne zurückgeführt wird.
Bei den ab 2014 entstandenen „Mahnwachen für den Frieden“ trafen unterschiedliche Gruppen aufeinander: Friedensbewegte, Kapitalismuskritiker, Esoteriker, Verschwörungsgläubige sowie Akteure aus dem rechten und rechtsextremen Spektrum. Bartunek erzählt, dass für ihn damals vor allem ein gemeinsamer Feind entscheidend gewesen sei. Widersprüche und problematische Aussagen anderer Teilnehmer habe er deshalb ausgeblendet.
Genau diese Vermischung wurde später auch bei den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen sichtbar. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt, wie dort berechtigte Kritik, pauschales Misstrauen gegenüber demokratischen Institutionen, Verschwörungserzählungen und rechtsextreme Akteure zusammentrafen. Dadurch konnten entsprechende Inhalte weit über die ursprünglichen Milieus hinaus verbreitet werden. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung
Wenn jede neue Behauptung in das Weltbild passt
Eine der eindrücklichsten Geschichten des Videos handelt von einer gemeinsamen Autofahrt zu einem Treffen der Mahnwachen-Szene. Auf der Hinfahrt habe ein Mitfahrer Edward Snowden noch als mutigen Aufklärer gefeiert. Nach mehreren Tagen voller Gespräche am Lagerfeuer sei derselbe Mann überzeugt gewesen, Snowden sei eine sogenannte „Psyop“ – also Teil einer geheimen psychologischen Operation.
Für Bartunek zeigt diese Episode, wie schnell sich verschwörungsideologische Erzählungen verändern können. Neue Behauptungen müssen nicht zu den vorherigen passen. Sie werden übernommen, solange sie die grundlegende Annahme bestätigen, dass sichtbare Ereignisse durch unsichtbare Mächte gesteuert werden.
Ein solches Weltbild ist gegen Widerspruch weitgehend abgeschirmt. Belege gegen eine Behauptung können selbst wieder als Teil der angeblichen Vertuschung interpretiert werden. Wer widerspricht, gilt dann nicht als Gesprächspartner mit einer anderen Einschätzung, sondern als unwissend, manipuliert oder Teil des Systems.
Bartunek berichtet auch von hochgebildeten Menschen, die vollkommen in solchen Vorstellungen aufgegangen seien. Akademische Titel und beruflicher Erfolg hätten sie nicht davor geschützt, alltägliche Ereignisse als persönliche Verfolgung durch mächtige Politiker oder geheime Organisationen zu deuten.
Intelligenz schützt nicht automatisch vor Verschwörungsdenken
Die vielleicht wichtigste Aussage des Videos lautet: Es kann grundsätzlich sehr unterschiedliche Menschen treffen.
Bartunek widerspricht damit der bequemen Vorstellung, Anhänger von Verschwörungserzählungen seien einfach nur ungebildet oder wenig intelligent. Er selbst habe sich während seiner Zeit in der Szene sogar für besonders aufgeklärt gehalten. Die anderen seien für ihn die Manipulierten gewesen, während er glaubte, hinter die Kulissen zu schauen.
Fachleute erklären die Anziehungskraft von Verschwörungserzählungen unter anderem mit Kontrollverlust, Unsicherheit und dem Wunsch nach einer überschaubaren Erklärung für komplizierte Entwicklungen. Wer sich seiner sozialen oder politischen Umwelt ausgeliefert fühlt, kann besonders empfänglich für Erzählungen werden, die einen klaren Schuldigen und eine vermeintlich verborgene Ordnung anbieten.
Bartunek spricht von einem persönlichen Moment, in dem ein Mensch „am Kippen“ sei. Das könne eine Trennung, berufliche Krise, soziale Isolation, Angst oder eine tief empfundene Kränkung sein. Trifft in dieser Phase eine passende Erzählung auf die betreffende Person, kann sie Orientierung und Gemeinschaft versprechen.
Das bedeutet nicht, dass alle Menschen gleichermaßen gefährdet sind oder jede persönliche Krise zwangsläufig in eine Radikalisierung führt. Bartuneks Kerngedanke bleibt dennoch richtig: Bildung allein bildet keinen verlässlichen Schutz.
MH17 und die Geschichte vom angeblichen „Dosenfleisch“
Wie weit sich Menschen von überprüfbaren Tatsachen entfernen können, verdeutlicht Bartunek anhand einer Wiener Mahnwache nach dem Abschuss des Malaysia-Airlines-Fluges MH17.
Ein Redner habe damals behauptet, der Absturz sei inszeniert worden. Flugzeugteile seien verteilt und bereits tote Körper an den Absturzort gebracht worden, um Russland verantwortlich zu machen. Bartunek erinnert sich daran, wie vollkommen absurd die Rede auf ihn wirkte – obwohl er selbst bereits Teil dieser Szene war.
Die Behauptungen sind durch die Ermittlungen klar widerlegt. Flug MH17 wurde am 17. Juli 2014 über dem von Separatisten kontrollierten Teil der Ostukraine mit einer Buk-Rakete abgeschossen. Alle 298 Menschen an Bord starben. Ein niederländisches Gericht verurteilte 2022 drei Männer wegen ihrer Verantwortung für den Abschuss zu lebenslangen Freiheitsstrafen. Quelle: Niederländische Staatsanwaltschaft
Das internationale Ermittlerteam kam darüber hinaus zu dem Ergebnis, dass das verwendete Buk-System aus Russland stammte und der 53. Flugabwehrraketenbrigade aus Kursk zugeordnet werden konnte. Quelle: Joint Investigation Team
Die Geschichte zeigt auch die menschlichen Folgen von Desinformation. Für Angehörige der Opfer bedeuteten die zahllosen Falschbehauptungen eine zusätzliche Belastung, weil selbst der Tod ihrer Familienmitglieder öffentlich zur Inszenierung erklärt wurde.
Der Moment, in dem Bartunek sich selbst erkannte
Der Wendepunkt kommt für Bartunek nicht durch eine einzelne politische Debatte. Im Dezember 2021 sieht er eine Fernsehdokumentation über einen österreichischen Betreiber einer QAnon-Gruppe.
QAnon verbreitet die Vorstellung, eine geheime Elite entführe und misshandle Kinder, um ihnen den Stoff Adrenochrom abzunehmen. Die Erzählung besitzt deutliche Parallelen zu alten antisemitischen Ritualmordlegenden. Quelle: Bundeszentrale für politische Bildung
Bartunek hielt die konkreten Behauptungen des Mannes für vollkommen absurd. Dann hörte er ihn sinngemäß erklären, er betreibe seine „Aufklärungsarbeit“ für die anderen und könne erst wieder ein normales Leben führen, wenn die vermeintliche Bedrohung beseitigt sei.
In diesem Moment erkennt Bartunek seine eigene frühere Haltung wieder. Er habe nicht an dieselben Geschichten geglaubt, aber mit derselben Gewissheit gesprochen und sich ebenfalls als Teil einer kleinen Gruppe verstanden, die eine große Gefahr erkannt habe und die übrige Gesellschaft warnen müsse.
Die Erkenntnis trifft ihn hart: So befremdlich dieser Mann auf ihn wirkte, müsse er selbst früher auf andere Menschen gewirkt haben. Bartunek beschreibt einen emotionalen Zusammenbruch und eine monatelange Auseinandersetzung mit seinem bisherigen Verhalten.
Schließlich nimmt er Kontakt zu den Journalisten der Dokumentation auf, erzählt von seiner eigenen Vergangenheit und beginnt, seine Zeit in der Szene öffentlich aufzuarbeiten. Auch andere Berichte über ihn bestätigen, dass Bartunek eng in dem Milieu vernetzt war und Ken Jebsen zeitweise zu seinen Freunden zählte. Quelle: Kleine Zeitung
Der politische Kaninchenbau führt häufig nach rechts
Das Video beginnt mit einer bewusst zugespitzten Auseinandersetzung über angeblich „geisteskranke Wokies“. Bartunek erklärt, persönlich Holocaustleugner, Anhänger weißer Überlegenheitsvorstellungen und Menschen mit Umsturzfantasien getroffen zu haben. Den ständig beschworenen, übermächtigen „Woke“-Gegner betrachtet er dagegen vor allem als ein von rechten Akteuren erzeugtes Feindbild.
Diese Aussage ist sehr pauschal. Der Begriff „woke“ wird heute für völlig unterschiedliche politische Positionen verwendet, und selbstverständlich kann man einzelne progressive Forderungen kritisieren. Bartuneks eigentlicher Punkt betrifft jedoch die Gewichtung: Während sich Menschen über Sprachregelungen, Geschlechterfragen oder Christopher-Street-Day-Veranstaltungen empören, können sie die reale Verbreitung rechtsextremer Erzählungen aus dem Blick verlieren.
Aus eigener Erfahrung beschreibt er einen Prozess, bei dem sich Menschen zunächst als friedensbewegt, links oder unpolitisch verstehen, schließlich aber zunehmend Inhalte rechter Akteure übernehmen. Bartunek nennt unter anderem Ken Jebsen und Daniele Ganser als mögliche Einstiegsfiguren und warnt vor einem Weg, der über immer neue Medienangebote bis zu Jürgen Elsässer sowie zur Unterstützung von AfD oder FPÖ führen könne.
Das ist seine persönliche Bewertung, keine zwangsläufige Entwicklung jedes Zuschauers dieser Personen. Dokumentiert ist allerdings, dass bei den Mahnwachen und später bei „Querdenken“ ideologisch sehr verschiedene Gruppen gemeinsame Feindbilder entwickelten und Akteure der extremen Rechten diese offenen Strukturen für ihre Inhalte nutzten.
Was Verschwörungsdenken mit Beziehungen macht
Besonders glaubwürdig wird das Gespräch dort, wo Bartunek nicht nur über die Irrtümer anderer spricht, sondern Verantwortung für sein eigenes Verhalten übernimmt.
Er erzählt von Freundschaften, die während seiner Zeit in der Szene zerbrachen. Einem homosexuellen Freund habe er Berichte über gezielte Gewalt gegen schwule Männer in Russland als antirussische Propaganda erklärt. Danach sei der Kontakt abgebrochen. Bartunek sagt heute deutlich, dass dieser Freund dazu jedes Recht gehabt habe.
Auch bei früheren Schauspielkollegen und weiteren Bekannten habe er sich später entschuldigt. Manche wollten keinen Kontakt mehr. Seine politischen Überzeugungen hatten ihn dazu gebracht, die Erfahrungen anderer Menschen abzuwerten und hinter nahezu jedem Bericht eine Manipulation zu vermuten.
Andere Angehörige hielten dagegen die Verbindung. Seine Tante und deren Mann hätten politische Diskussionen irgendwann vermieden und ihn reden lassen, um den Kontakt nicht vollständig zu verlieren. Im Rückblick glaubt Bartunek, dass genau diese emotionale Verbindung eine wichtige Hilfe gewesen sei.
Das Video zeigt damit, warum Verschwörungsdenken selten eine rein sachliche Meinungsverschiedenheit bleibt. Wenn ein Weltbild die gesamte Wirklichkeit erklärt, wird jede Beziehung davon erfasst. Freunde und Verwandte müssen sich irgendwann entscheiden, ob sie widersprechen, schweigen oder den Kontakt abbrechen.
Ein extremes Beispiel aus der Pandemie
Bartunek erinnert im Gespräch auch an den Tod einer fünfköpfigen Familie im brandenburgischen Senzig im Dezember 2021. Nach den Ermittlungen hatte der Vater seine Frau und seine drei Kinder erschossen und anschließend sich selbst getötet.
In einem Abschiedsbrief schrieb er demnach, er habe ein Impfzertifikat für seine Frau gefälscht und fürchte nach dessen Entdeckung die Verhaftung der Eltern sowie den Verlust der Kinder. Medien berichteten außerdem von seiner Angst vor einer angeblichen Zwangsimpfung und „Umerziehung“ der Kinder.
Dieser entsetzliche Fall darf nicht als typisches Verhalten von Menschen mit verschwörungsideologischen Ansichten dargestellt werden. Die große Mehrheit wird nicht gewalttätig. Er zeigt aber, wie gefährlich eine abgeschlossene Wahrnehmung werden kann, wenn unbegründete Ängste als unmittelbar bevorstehende Realität erlebt werden.
Wie sollten Angehörige reagieren?
Bartuneks Empfehlung ist, einen wichtigen Menschen nicht vorschnell vollständig abzustoßen. Statt jede Behauptung in einer endlosen Debatte widerlegen zu wollen, könne man die emotionale Verbindung erhalten, Sorgen ansprechen und deutlich machen, wenn Aussagen verletzen.
Sein Satz, man könne überhaupt nichts tun, ist allerdings zu absolut. Angehörige können Grenzen setzen, sich beraten lassen und bei konkreten Gefährdungsanzeichen professionelle Hilfe einschalten. Sie müssen Beschimpfungen, Drohungen oder menschenfeindliche Äußerungen auch nicht widerspruchslos hinnehmen.
Die österreichische Bundesstelle für Sektenfragen berichtet von zahlreichen Familien, in denen Verschwörungsdenken zu Streit, Rückzug und Kontaktabbrüchen geführt hat. Selbst ein positiv gehaltener Kontakt könne für Angehörige sehr anstrengend sein und müsse manchmal reduziert werden. Quelle: Bundesstelle für Sektenfragen
Für Betroffene in Deutschland bietet der Beratungskompass Verschwörungsdenken eine Übersicht regionaler und überregionaler Beratungsstellen. Unterstützung ist damit auch für Menschen verfügbar, deren Partner, Eltern, Kinder oder Freunde immer tiefer in verschwörungsideologische Milieus geraten.
Derbe Sprache ersetzt keine Diagnose
Bartunek spricht emotional und verwendet mehrfach Begriffe wie „wahnsinnig“ oder „geisteskrank“. Damit beschreibt er seine persönliche Wahrnehmung, stellt aber keine medizinische Diagnose.
Verschwörungsglaube ist nicht automatisch eine psychische Erkrankung. Menschen mit psychischen Erkrankungen pauschal mit Extremismus, Hass oder Verschwörungsdenken gleichzusetzen, wäre ebenso falsch und stigmatisierend.
Die grobe Sprache macht die Wut und Belastung des Erzählers spürbar. Für eine sachliche Auseinandersetzung eignen sich Begriffe wie Verschwörungsdenken, geschlossenes Weltbild, Radikalisierung oder Realitätsverlust besser. Sie beschreiben das beobachtbare Problem, ohne Menschen aus der Ferne zu diagnostizieren.
Unser Fazit zum Video der Woche
Stephan Bartuneks Bericht ist keine wissenschaftliche Untersuchung und keine allgemeingültige Anleitung zum Ausstieg. Es ist die sehr persönliche Bilanz eines Menschen, der tief in einer Szene steckte, anderen mit seinen Überzeugungen geschadet hat und heute versucht, Verantwortung dafür zu übernehmen.
Gerade diese Selbstkritik macht das Video stark. Bartunek inszeniert sich nicht ausschließlich als Opfer geschickter Verführer. Er spricht auch darüber, wie überlegen er sich fühlte, wie er Warnungen abwehrte und wie verletzend er gegenüber Freunden wurde.
Seine wichtigste Erkenntnis lautet, dass Verschwörungserzählungen ihre Kraft nicht allein aus vermeintlichen Fakten beziehen. Sie vermitteln Zugehörigkeit, Bedeutung und das Gefühl, zu den wenigen Menschen zu gehören, die eine verborgene Wahrheit erkannt haben. Ein gemeinsamer Feind kann dabei politische Widersprüche verdecken und Menschen in Milieus führen, deren Ansichten sie früher abgelehnt hätten.
Der Ausstieg begann bei Bartunek in dem Moment, als er die eigene Denkweise von außen erkannte. Erst danach konnte er sich mit einzelnen Behauptungen, seinen Beziehungen und der eigenen Verantwortung auseinandersetzen.
Das Gespräch ist laut, provozierend und stellenweise unnötig beleidigend. Hinter dieser Oberfläche steckt jedoch eine bemerkenswert ehrliche Geschichte über Manipulation, Gruppenzugehörigkeit und den schmerzhaften Weg zurück. Sie erinnert daran, dass Menschen im Kaninchenbau nicht nur Gegner einer sachlichen Debatte sind. Häufig sind es Freunde, Eltern, Partner oder Kollegen, zu denen jemand weiterhin eine Verbindung sucht – ohne ihre Behauptungen deshalb akzeptieren zu müssen.
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