Klima-Fluchtauto Twizy

Viele können sich noch an die Bilder vom Ende letztes Jahres erinnern: Hochwasser in großen Teilen von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Im Rahmen des traditionellen Innovator-Interviews sprachen Antonino Zeidler (bei YouTube Strombock) und T&E-Verleger Timo Schadt mit einem Klimaflüchtling. Geflohen ist Sabine Krause aus einem Überschwemmungsgebiet. Die E-Mobilistin und Tiny-House-Bewohnerin ‚Biene‘ lebt in der Nähe von Rethem/Aller. Sie ist seit zehn Jahren wegen eines Unfalls in Teilrente und bewohnt ein Tiny-House, das sie modernisiert hat. Es befindet sich auf einer Freizeitfläche als eine Art Ferienhaus mit Wohnrecht am Flüsschen Aller. Ihr Motto ist: „Lieber kleine Brötchen backen, aber dafür meine eigenen“. Dazu passt ihr Renault Twizy. Die 80 km Reichweite reichen ihr, außerdem kann sie ihn an jeder normalen Steckdose aufladen, für 3,80 Euro. Über das Auto kommt sie viel in Kontakt mit Menschen, weil es ungewöhnlich ist und ‚Lambo-Türen‘ hat. Und wenn man muss, kann man darin sogar fliehen.


Das Hochwasser hatte den Allerdeich soweit aufgeweicht, dass er jederzeit brechen konnte. Außerdem drückte das Grundwasser durch den Boden und überschwemmte alle Flächen von unten. Biene sagte: „Es ist lebensbedrohlich gewesen, denn wäre ich nicht geflüchtet, hätte ich bei einem Deichbruch gerettet werden müssen.“ Und ihr kleines Holzhaus hätte sie dann vergessen können, weil es nicht mehr trocken wird. Überrascht hat sie die Schnelligkeit des Wasseranstiegs; innerhalb von zwei Tagen stand das Wasser 1,5 km breit neben dem Fluss, nur noch die Straßen schauten heraus. Aber ihre Taschen hatte sie bereits gepackt, denn ihr war klar, dass sie in einem Überschwemmungsgebiet wohnt und direkt bedroht ist. Sie floh mit dem Twizy zu einer Freundin. 10 Tage lang war sie nicht sicher, was auf dem Platz und mit ihrem Haus geschieht.

„Das Hochwasser verändert meine Zukunftsplanung; ich bleibe sicher nicht mehr 20 oder 30 Jahre auf dem Platz“ ist sie sich sicher, „Ich hatte Zeit zum Fliehen, im Gegensatz zum Ahrtal, wo alles viel, viel schneller ging“. Die Zeit zum Fliehen hatte sie auch, weil ein Teil des Niederschlags von den Talsperren im Harz aufgefangen wurde und ein Teil des Wassers auf dem Weg nach Rethem bereits andere Flächen überschwemmt hatte. Dies zeigt, das mehr Wasserrückhalte nötig werden, ob als Talsperren oder als sogenannte Retentionsflächen, Flächen, die gezielt überschwemmt werden, um die Hochwasserspitze zu brechen. Doch auch die zum Teil sehr alten Flussdeiche müssen verstärkt werden. An der Nordseeküste wurden in den letzten Jahren bereits mit Milliarden Euro die Deiche zu ‚Klimadeichen“ ausgebaut, acht bis neun Meter hoch und bis zu 130 Meter breit. Das verringert bei einer Sturmflut die Schäden durch den Aufprall der Wellen.


Anders gesagt, der Klimawandel bedroht bereits viele Menschen auch in Deutschland. Die häufigeren Trockenheiten und Überschwemmungen der letzten Jahre sind eine Folge des Klimawandels. Da sich seit einigen Jahrzehnten die Polargebiete viel stärken erwärmen als die Tropen, schwächt sich die Zirkulation zwischen diesen Gebieten ab, die Wellen des Jetstreams, ein Windband in großen Höhen, dass unsere Tiefs und Hochs steuert, bleiben dadurch häufiger stehen, so dass die Tiefs und Hochs länger über einem Gebiet verweilen. Die Folge sind langanhaltende Trockenheiten und ‚Intensiv-Regenzeiten‘ mit Hochwässern, denn die Tiefs enthalten aufgrund des wärmer werdenden Meeres immer mehr Wasser. Wir leben letztlich in einem zerbrechlicher werdenden System. In Niedersachsen gab es diesmal über 1000 ‚Klimaflüchtlinge‘, im Ahrtal waren es 180 Tote, rund 800 zum Teil schwer Verletzte und mehrere Tausend ‚Obdachlose‘, die teilweise noch heute in Notunterkünften leben.

Neben dem Ausbau des Hochwasserschutzes sind weitere Anpassungsmaßnahmen nötig. Besitzer:innen von Eigenheimen können Flächen entsiegeln, Wasser speichern oder Regenwasser nutzen. Planer müssen Gefahrenkarten anfertigen, das Bauen in potenziellen Überschwemmungs- oder Hangrutschflächen darf nicht mehr möglich sein. Regen- und Oberflächenwasser muss zurückgehalten und gespeichert, das Versickern muss ermöglicht werden. Die Menschen in Gebäuden müssen stärker als bisher vor Hitze geschützt werden. Und es braucht mehr Vorwarnsysteme sowie eine bessere Katastrophenschutz-Organisation.


Teuer wird’s in jedem Fall, denn der Klimawandel ist eine Kostenfalle. Ein neuer Bericht des Weltwirtschaftsforums (WEF), in Zusammenarbeit mit der internationalen Strategieberatung Oliver Wyman, liefert nun konkrete Zahlen: Bis 2050 könnten weltweit durch zunehmende Naturkatastrophen wie Hitzewellen und Überschwemmungen wirtschaftliche Verluste in Höhe von 12,5 Billionen US‑Dollar entstehen, davon in Europa 2,6 Billionen.

Nach Angaben der WMO (World Meteorological Organization) nahm global die Zahl der wetterbedingten Katastrophen in den letzten 50 Jahren zu. Die Daten zeigen einen laufenden Anstieg der durchschnittlichen jährlichen (inflationsbereinigten) Gesamtschäden über die Jahrzehnte, von 10,0 Milliarden Euro 1981 bis 1990 auf 14,7 Milliarden Euro 2011 bis 2020. Auch die Anzahl der Ereignisse pro Jahrzehnt steigt stetig: 392 (1981 – 1990), 483 (1991 – 2000), 799 (2001 – 2010), 1.220 (2011 – 2020).
Also, wenn es krass nass wird, rein in eure Twizy’s und weg, rein in den Schatten, wenn es nicht witzig hitzig wird.

Auf Strombock kann man sich das Interview anschauen:

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