MIT BLICK AUF DAS THERMOMETER – DER KAMPF MIT DER HITZE

Text: Dr. Heiko Behrendt

40,3 Grad am 27. Juni – ein neuer Allzeitrekord in Darmstadt, meinem immer mehr zu südlichem Wohnort. Eingebettet war dieser Rekord in eine 33-tägige Hitzewelle, in der die Temperatur über 25 Grad lag, der Mittelwert 30 und die Zahl der Hitzetage bei 21 (für eine Hitzewelle müssen drei Tage darüber hinaus 30 Grad und mehr haben). Misst man Hitzewellen auf diese Weise, so stieg die Zahl der Tage in Hitzewellen in Darmstadt von 1996 bis heute um das Vierfache. Die Zahl der Sommertage (25 Grad und mehr) ist um 60 Prozent gestiegen, die Zahl der Hitzetage (30 Grad und mehr) um 160 Prozent, die Zahl der Tage mit 35 Grad und mehr um mehr als 500 Prozent. Letztere Tage werden manchmal auch Wüstentage genannt, vielleicht, weil sie sich so anfühlen.

In Frankreich war es noch schlimmer, in Spanien, Italien und Griechenland ist es übel wie schon in den letzten Jahren. Waldbrände, in einigen Regionen so krass wie noch nie, etwa 10.000 Hitzetote (Übersterblichkeit während der Hitzewellen), ausgetrocknete Bäche und Tiefstände der Flüsse, was zu eingeschränkter Frachtkapazität, ausgefallenen Flusskreuzfahrten und abgeschalteten Atomkraftwerken führte. Auch gibt es Ernte-Einbrüche bei Gemüse, was die Preise steigen ließ. Solche Folgen der Hitze zeigen sich in den letzten Jahren immer häufiger.

Was fällt der Bundespolitik dazu ein? ‚Aus vom Verbrenner-Aus‘, in der EU für weniger Strenge in der Klimapolitik lobbyieren, Technologieoffenheit nur für fossile Techniken fordern: weiter Verbrenner-Autos, neue Gaskraftwerke, weiter Gas- und Ölheizungen, aber kein wirkliches pushen von E-Autos oder Großbatterien.

Zumindest einzelne Kommunen sind da schon viel weiter: Stuttgart überlegt, ob es nicht Plätze überdacht, damit verschiedene Feste und Veranstaltungen nicht ausfallen müssen. München baut sein Fernkältenetze aus, das Großnachfrager wie Unternehmen versorgt. In ganz Deutschland wird gefordert, Krankenhäuser, Altenheime und Schulen endlich zu klimatisieren. Ein bisschen werden auch Flächen entsiegelt, das eine oder andere Dach begrünt, Bäume gepflanzt. Insgesamt ist aber auch das viel zu wenig, um der weiter steigenden Hitze zu begegnen.

Linz in Österreich hat Brunnen zum Trinken eingerichtet, hat ein Verzeichnis kühler Räume inklusive einiger Geschäfte angelegt und veröffentlicht, verkauft eine Stadt-Trinkflasche für heiße Tage, nutzt Werbetafeln, um seine Bürger an die nötigen Hitze-Anpassungs-Tipps zu erinnern. Auch baut es wie München sein Fernkältenetz aus.

Paris erinnert sich an seinen kühlen Untergrund, an seine dreihundert Kilometer Katakomben, an ein Dutzend verlassene Metro-Bahnhöfe, an Tiefgaragen. Denn 78 Prozent der Pariser Hausdächer sind aus Zink, dünn, schlecht isolierbar und kaum zu begrünen. Die Pariser Stadtverwaltung beschäftigt sich deshalb derzeit mit dem Szenario „50 Grad im Jahr 2050“, um sich an die an Zahl, Dauer und Intensität zunehmenden Hitzeperioden anzupassen.

Was können die Bürger tun, wenn sie es sich leisten können? Ich wohne in einer Dachwohnung in einem Zehn-Wohnungs-Haus. Wir haben wegen der Heizkosten vor zehn Jahren das Dach isoliert (11.000 Euro pro Wohnung) und haben das Haus mit Dreifachverglasung ausgestattet (nochmal 10.000 Euro pro Wohnung). Der Außensonnenschutz vor den Gaubenfenstern kam nochmal auf über 9.000 Euro. Das erleichtert das Leben inzwischen auch in den Hitzeperioden markant. Dennoch stieg die Innentemperatur in der letzten 33-tägigen Hitzewelle auf 29 Grad – auch im Schlafzimmer. An den neun Tagen mit über 35 Grad Spitzentemperatur saß ich am Schluss vor einem Ventilator und konnte quasi nichts mehr tun – Hitzelähmung.

Dabei hatte ich bereits Styroporplatten zwischen den Außen-Sonnenschutz und die Außenscheiben der Dachfenster geklemmt und in das einzige Fenster mit nur Innen-Sonnenschutz kam Alufolie zwischen Sonnenschutz und Glas. Auf dem Balkon sorgt ein Sonnensegel dafür, dass sich das Holz nicht extrem aufheizt (noch mal 1.000 Euro). Gekocht wird auf mobilen Herdplatten auf dem Balkon, damit sich die Wohnung nicht noch weiter aufheizt. Die Dachisolierung, die neuen Fenster und der Außensonnenschutz reichen nicht mehr, als Nächstes werden ca. 8.000 Euro für eine Klimaanlage fällig. Klimafolgekosten.

Das ist meine technische Klimaanpassung, die ich mir glücklicherweise leisten kann. Im Verhalten kann man sich auch anpassen. Früher hat mir Hitze nichts ausgemacht, da bin ich immer auf der Sonnenseite einer Straße entlanggelaufen, heute, mit 62, laufe ich auf der Schattenseite. Ich mache meine Radtouren am Vormittag, ich trinke bewusst viel, ich sitze gerade bei Kunstlicht in einem abgedunkelten Zimmer.

Ich gehe bei deutlich über 30 Grad nicht mehr vor die Tür, jedenfalls hier in Darmstadt. Da denke ich manchmal an meine Heimatstadt Bremerhaven, die ein Drittel der Sommertage und ein Fünftel der Hitzetage von Darmstadt hat. Eigenartigerweise wirbt Bremerhaven nicht damit, dort Urlaub zu machen, um der Hitze auszuweichen. Das wäre auch eine Klimaanpassung, mein Urlaubsblick geht zunehmend nordwärts. Hinfahren würde mit Strom aus weitgehend regenerativen Quellen, denn sonst kann ich irgendwann nicht mehr zurück.

Noch schnell ein Blick auf die Außentemperatur heute, am 30. Juli: 35,8 Grad.



Dieser Beitrag stammt aus der aktuellen Ausgabe 31 des T&Emagazins.

Die Zeitschrift kann gegen Übernahme der Porto- und Versandkosten an dieser Stelle bestellt werden.

https://shop.temagazin.de/produkt/magazin/temagazin-31-ausgabe/

Aus dem Inhalt:

  • COMMUNITY – Auf dem Laufenden bleiben
  • TESLA – Neues aus der Tesla Welt
  • TESLA – Eins von 250 Fahrzeugen
  • TESLA – Die Model-S-Varianten in der chronologischen Übersicht
  • TESLA – Vom E-Auto zum nachhaltigen Wohlstand
  • Herausgeber – TFF – Aktuelle Veranstaltungen
  • Herausgeber – TOS – Reisebericht Alpenpässe
  • elektrische COMMUNITY – Das Programm
  • ENERGIE – Zu viel Wind- & Sonnenstrom – aber nicht mehr lange
  • STROMBOCK – Warum brauchen E-Autos trotzdem ein Kühlsystem
  • GESELLSCHAFT – Das bessere Leben in der Zukunft
  • E-MOBILITÄT – Prof. Fichtner zeigt Vorteile der Batterietechnik auf
  • KLIMASCHUTZ – Der Kampf mit der Hitze
  • WIRTSCHAFT – Warum ein Weg zurück meistens ein Holzweg ist
  • WIRTSCHAFT – Zwei Fabriken, zwei Welten
  • FANBOY – Verwaltet, geprüft, abgehängt

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