Teurer Strom

Liegt es an der Energiewende – oder am Netz-Management?

Hohe Strompreise sind in Deutschland ein Dauerthema – und ein politischer Streitpunkt. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) begründet ihre Pläne, den Ausbau der erneuerbaren Energien stärker zu steuern, unter anderem damit, dass Strom nur so wieder günstiger werden könne. Ein satirisches Video des YouTube-Kanals “Fun Facts” hat diese Argumentation jüngst pointiert auseinandergenommen. Unter der Comedy – vorgetragen von Marc-Uwe Kling – steckt allerdings ein ernster, faktenbasierter Kern, den wir hier nüchtern aufbereiten – inklusive der Gegenposition.

Die 16:0-Absage der Länder

Der wohl deutlichste Vorgang zuerst: Auf der Energieministerkonferenz auf Norderney im Mai 2026 haben sich die Energieministerinnen und -minister aller 16 Bundesländer einstimmig gegen zentrale Reformpläne der Bundesregierung gestellt. Abgelehnt wurde insbesondere der sogenannte Redispatch-Vorbehalt – ein Kernelement des umstrittenen Netzpakets, nach dem neue Erneuerbaren-Anlagen in Netzengpassgebieten zeitweise keine Entschädigung mehr erhalten sollen, wenn sie abgeregelt werden.

Bemerkenswert ist die parteiübergreifende Geschlossenheit: Das 16:0 reichte von grün geführten bis zu unionsgeführten Ländern. Verteidigt wurde Reiche auf der Pressekonferenz von niemandem – die Ministerin selbst hatte krankheitsbedingt kurzfristig abgesagt. Auch ihre Pläne, die Förderung kleiner Dach-Solaranlagen unter 25 Kilowatt ab 2027 auslaufen zu lassen, stießen geschlossen auf Kritik.

Warum die Erneuerbaren nicht der Kostentreiber sind

Der zentrale Einwand gegen die “Strom-wird-billiger-wenn-wir-bremsen”-Logik: Erneuerbarer Strom ist in der Erzeugung billig. An sonnen- und windreichen Stunden fallen die Börsenpreise zeitweise sogar unter null – Abnehmer bekommen dann Geld dafür, Strom zu nehmen. Genau hier liegt eine große Chance: Wer große Batteriespeicher betreibt und günstigen Strom einspeichert, um ihn in windstillen Nächten teurer zu verkaufen, kann Geld verdienen und gleichzeitig die Preise glätten. Der Markt dafür wächst – Stichwort der vielzitierte “Batterietsunami”.

Das eigentliche Problem liegt also weniger bei der Erzeugung als beim Netz. Der Netzausbau hinkt dem Zubau von Wind und Solar deutlich hinterher. Die Folge sind Netzengpässe: An der einen Seite muss billiger Ökostrom abgeregelt werden, an der anderen Seite springen Gaskraftwerke ein. Diese Redispatch- und Abregelungskosten landen über die Netzentgelte bei allen Stromkunden – und werden im politischen Diskurs gern den Erneuerbaren angelastet, obwohl sie aus dem Netzmanagement stammen.

Das Herzstück: die Verteilnetz-Studie

Den substanziellsten Punkt liefert eine Studie, die der Energieexperte Dr. Tim Meyer (Beratungsunternehmen 3EPunkt) im März 2026 im Auftrag der European Climate Foundation vorgelegt hat: “Kostensenkungspotenziale im Verteilnetz”. Ihr Kernergebnis: Schon heute ließen sich rund 5 Milliarden Euro pro Jahr einsparen, bis 2045 sogar etwa 12,4 Milliarden Euro jährlich – das entspricht rund 17 Prozent der prognostizierten gesamten Netzkosten. Eine “Kostenexplosion im Verteilnetz” sei kein Naturgesetz, so Meyers Fazit, sondern Folge überholter Planungs- und Regulierungslogik.

Die Studie benennt drei Hebel:

  • Höhere Auslastung durch Digitalisierung und Flexibilisierung – bestehende Netze besser nutzen, statt neu zu bauen.
  • Standardisierung statt Flickenteppich – Deutschland leistet sich 851 Verteilnetzbetreiber, jeder mit eigenen technischen Vorgaben, Softwaresystemen, Formularen und Prozessen. Ein Transformator, der in einem Netzgebiet zulässig ist, darf im nächsten unter Umständen nicht verbaut werden.
  • Abschmelzen überhöhter Renditen – für 22 untersuchte Netzbetreiber wies die Studie für 2024 eine durchschnittliche Eigenkapitalrendite von 24 Prozent aus. Kalkulatorisch vorgesehen sind lediglich 3,5 bis 5,1 Prozent.

Das Anreizproblem: warum Sparen sich nicht lohnt

Der politisch heikelste Punkt ist die Anreizstruktur. Verteilnetze sind natürliche Monopole – Wettbewerb findet nicht statt, die Kosten tragen die Netzkunden. Netzbetreiber verdienen heute im Kern über die Kapitalrendite auf Investitionen in Kabel, Leitungen und Transformatoren. Das Muster ähnelt einem Cost-plus-Modell: Wer mehr investiert, sichert sich höhere garantierte Erlöse. Wer dagegen das bestehende Netz cleverer nutzt und so Kosten senkt, hat davon zunächst wenig.

Dabei wäre genau das technisch möglich: Ein Umspannwerk, das für einen Solarpark gebaut wurde, könnte auch Windstrom aufnehmen. Mit Batteriespeichern, intelligenter Steuerung und mehr Ladesäulen lassen sich zusätzliche Verbraucher und Erzeuger ans bestehende Netz anschließen, ohne sofort neu zu bauen. Voraussetzung dafür ist Digitalisierung – und hier hinkt Deutschland hinterher.

Smart Meter: Deutschland weit hinter dem Nachbarn

Beispiel intelligente Stromzähler: Ende 2025 lag die Smart-Meter-Quote in Deutschland bei rund 5,5 Prozent aller Stromanschlüsse. Österreich liegt nahe 100 Prozent, ebenso viele andere EU-Länder. Smart Meter sind die Voraussetzung dafür, dass Haushalte von günstigen Stromzeiten profitieren, dynamische Tarife nutzen und – mit Heimspeicher oder E-Auto – in Bedarfszeiten sogar Strom zurückverkaufen können. Für eine Publikation mit Fokus auf Elektromobilität ist das ein Schlüsselthema: Das E-Auto wird vom reinen Verbraucher zum flexiblen Baustein im Netz.

Tankrabatt statt Stromsteuersenkung?

Kritisch beleuchtet das Video auch die Entlastungspolitik. Ein Tankrabatt entlastet einseitig fossile Kraftstoffe, hat kaum Lenkungswirkung und kommt nur bei denen an, die tanken – ob die Ersparnis überhaupt weitergegeben wird, liegt im Ermessen der Mineralölkonzerne. Die naheliegende Alternative wäre eine Senkung der Stromsteuer: Sie käme bei allen an, denn alle verbrauchen Strom, und sie hätte eine Lenkungswirkung in die richtige Richtung – E-Mobilität und Wärmepumpen würden attraktiver. Auch die Bundesländer haben in ihrer Begründung zum 16:0 eine niedrigere Stromsteuer gefordert.

Die Gegenposition – fairerweise

Damit das Bild vollständig ist: Reiche und die Bundesregierung argumentieren nicht aus dem Nichts. Ihr Kernpunkt ist, dass Erzeugungs- und Netzausbau besser “synchronisiert” werden müssten, um teure Fehlinvestitionen und steigende Netzentgelte zu vermeiden – salopp: Es bringe wenig, immer mehr Anlagen zu bauen, wenn das Netz den Strom nicht abtransportieren kann. Hinter dem Schlagwort “Technologieoffenheit” steht zudem die Sorge um Versorgungssicherheit; die Energieministerkonferenz selbst sprach sich etwa für eine strategische Gasreserve für Krisenfälle aus. Strittig ist weniger das Ziel bezahlbarer, sicherer Energie als der Weg dorthin – und genau dort verläuft die Konfliktlinie zwischen Bund und Ländern.

Fazit

Dass Strom für Privathaushalte teuer ist, liegt nach Faktenlage nicht primär an den erneuerbaren Energien, sondern an Netzengpässen, an einer fragmentierten Netzlandschaft und an Regulierungs-Anreizen, die Sparen nicht belohnen. Die Verteilnetz-Studie zeigt: Hier liegen Milliarden, die sich durch besseres Management, Standardisierung und Digitalisierung heben ließen – ganz ohne die Energiewende auszubremsen. Die 16:0-Absage der Länder ist ein deutliches Signal, dass dieser Kurs breit getragen wird. Die ehrliche Aufgabe ist unbequem: Es ist Management-Arbeit, kein Schnellschuss.

“Eine Kostenexplosion im Verteilnetz gibt es nicht – die Politik muss sich aber endlich ihrer Management-Aufgabe stellen.” (Dr. Tim Meyer, Studienautor)

Quelle: FunFacts de und MarcUweKling @youtube


Und das sind die Themen der 30. Ausgabe:

  • Neues aus der Tesla Welt
  • Die Revolution der Patentstrategie bei Tesla
  • Grünere Energienetze dank Einsatz von KI
  • Die Herausgeber: Elektrische von Paris nach Dakar und zurück
  • Neues zur elektrischen COMMUNITY 2026
  • Strombock: Höhere Benzinpreise, der perfekte Moment für den Umstieg !
  • Unser Manifest und Petition für eine zukunftsorientierte Transformation Deutschlands
  • Reisebericht: Mit Model X & Grok durch Schottland 
  • Die Herausgeber: Tesla Fahrer & Freunde e.V.
  • Besuch im Geothermiekraftwerk
  • Powerwall 3P: Erstmals dreiphasiger Heimspeicher von Tesla
  • Fanboy: Terafab

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