Kein deutscher Autohersteller unter den 50 innovativsten Unternehmen

Timo Schadt sprach mit Julian Kauffeldt

Dr. Julian Vincent Kauffeldt gehört zu den Gründern der ALPORA AG, einem Schweizer Investment-Analytics-Unternehmen, das besonders innovative und effiziente Unternehmen in unterschiedlichen Branchen und Regionen identifiziert. Er verfügt als Wirtschaftsphysiker (B.Sc., M.Sc.) über umfangreiche Kompetenzen zur Anwendung mathematisch-physikalischer Modelle und Methoden auf finanz- und betriebswirtschaftliche Zusammenhänge. Im Anschluss an das Studium der Wirtschaftsphysik an der Universität Ulm widmete sich Dr. Julian Vincent Kauffeldt der Forschung zur Messung der Innovationskraft von Unternehmen und schloss diese erfolgreich mit seiner Dissertation ab. Außerdem ist er als Dozent an der SAPS der Universität Ulm und im MBA-Programm der Universität Liechtenstein tätig.

? Eingangs mal ganz dumm gefragt: Was ist überhaupt Innovation?

! Eine Innovation bezeichnet immer eine Neuerung, die einen Mehrwert gegenüber der vorherigen Lösung darstellt und erfolgreich umgesetzt wird. Innovation ist vielseitig und kann sich beispielsweise auf Produkte, Dienstleistungen, Prozesse oder auch Geschäftsmodelle beziehen.

? Im Vorgespräch hast du mir gesagt, dass unter den 50 innovativsten Unternehmen in Europa kein deutsches Automobilunternehmen ist. Das ist aber mal eine ernüchternde Aussage. Kannst du unseren Lesern das erläutern?

! In der Tat befindet sich unter den 50 innovativsten Unternehmen gemäß unserer Auswertung kein Automobilhersteller. Wir richten unserer Analyse auf die Suche nach den innovationseffizientesten Unternehmen. Dabei vergleichen wir, was die Unternehmen für ihre Innovationsaktivitäten aufwenden und welches Innovationsergebnis sie auf dieser Basis realisieren. Das Ergebnis ist ein objektiv berechneter Innovationseffizienz-Score für jedes Unternehmen. Wir sehen in unseren Analysen viele innovationseffiziente Unternehmen aus verschiedensten Branchen, von Technologie über Health Care bis hin zu Branchen wie Energie. Innerhalb der Top 50 taucht derzeit aber tatsächlich kein deutsches Automobilunternehmen auf. Das heißt die Innovationseffizienz der deutschen Automobilunternehmen ist entsprechend nicht so groß, wie die von Unternehmen aus anderen Branchen.

? Seit über 20 Jahren wird an der Wasserstofftechnologie geforscht, einige wenige Fahrzeuge sind unterwegs. Die Bundesregierung lässt gerade das Netz an Wasserstofftankstellen mit hohen Fördersummen ausbauen. Aber letztlich spricht wenig dafür, dass es im Segment der Individualmobilität überhaupt noch zu einem Durchbruch kommt. Die Technologie ist einfach zu ineffektiv. Sind hier dennoch Innovationen erkennbar, die zu einer Trendumkehr führen könnten, weg vom reinen Akku-Antrieb hin zur Brennstoffzelle?

! Wichtig für neue Mobilitätskonzepte ist es, verschiedene Technologien miteinander zu kombinieren. Für Langstreckenfahrten sind andere Technologien vorteilhaft als für innerstädtische Kurzstreckenfahrten. Letztendlich sehen wir innerhalb unserer jüngsten Emerging Technology Analysen (alpora.com/de/emerging-technologies-outlook-2021) einen starken Fokus auf den Bereich Clean Mobility. So umfasst das Cluster zum Thema Clean Mobility die fünfthöchste Anzahl an wissenschaftlichen Publikationen innerhalb der von uns identifizierten 33 emergenten Technologie- und Innovationsfelder. Das heißt, hier wird derzeit wirklich intensiv an neuen Lösungen geforscht, die sich eben nicht nur auf den Elektromotor beziehen.

? Was sagst du zur Forschungsförderung in Deutschland, Österreich und der Schweiz? Mir erscheint das so, als dass hier einige Holzwege beschritten werden.

! Die Forschungsförderung ist ein wichtiges Mittel, um die Generierung von Innovationen anzutreiben. Gleichzeitig sollte der administrative Aufwand deutlich reduziert werden. Innovation lebt von Agilität und Schnelligkeit. Es sollte möglich sein, neue zukunftsgerichtete Ideen durch Fördermaßnahmen zu beschleunigen, ohne die Innovationsaktivitäten durch langwierige Genehmigungsverfahren zu verzögern.

? Ist noch Revolutionäres im Hinblick auf klassische Verbrennungstechnologie im Automobilbereich vorstellbar? Autoexperten sagen ja: Die Motoren sind bereits am Ende ihrer Effizienzsteigerung angekommen, Elektrofahrzeuge sind um ein Vielfaches effizienter.

! Die klassische Verbrennungstechnologie in der Automobilbranche ist sicherlich in den letzten Jahrzehnten stark im Fokus sehr intensiver Entwicklungs- und Forschungstätigkeiten gewesen. Typischerweise nimmt das Wachstum der Technologieerweiterungen gegen Ende des Technologielebenszyklus immer weiter ab. Das sehen wir nun im Bereich der Verbrennungsmotoren. Auch der Elektromotor ist keine neue Erfindung und schon sehr lange bekannt. Die Innovationskraft liegt hier vor allem in der Entwicklung neuer Batterien, die Elektrofahrzeugen wiederum größere Reichweiten ermöglichen. Hier existiert noch großes Potential für neue revolutionäre Lösungen.

? Was heißt das für die deutschen Autobauer? Können die noch – selbst wenn alle inzwischen erkannt haben sollten, dass Verbrennungsmotoren Geschichte sind – durch eigene Innovationen die Kurve kriegen?

! Die Ausgangsbasis für die deutschen Autobauer ist ja grundsätzlich gut, da sie fest im Markt etabliert sind und über die letzten Jahre ein großes Knowhow aufbauen konnten. Gleichzeitig müssen sie sich aber auch trauen, teilweise neue Wege zu gehen. Der reine Fokus auf deutsche Ingenieurskunst muss sich öffnen, um gerade in digitalen Bereichen Innovationen hervorzubringen. Die Vernetzung innerhalb des Autos und die Vernetzung des Autos mit seiner Umwelt ist inzwischen genauso wichtig wie technische Charakteristika des eigentlichen Motors. Hierbei müssen die Autobauer noch besser die Anforderungen ihrer Kunden verstehen und bereit sein, noch stärker neue Kompetenzen und Fähigkeiten aufzubauen.

? Diverse chinesische Unternehmen scharren mit den Hufen, kommen an die europäischen Märkte oder sind kurz davor. Was ist zu erwarten?

! Chinesische Unternehmen sind längst nicht mehr darauf fokussiert, einfach zu kopieren. In unseren regelmäßigen Big Data Analysen sehen wir in den letzten Jahren, dass ein immer größerer Anteil wissenschaftlicher Publikationen zu verschiedensten Themenbereichen aus China stammt. Das heißt, gerade in China wird auch immer stärker an komplett neuen Lösungen geforscht, die sich dann wiederum in konkreten Innovationen niederschlagen. Da wissenschaftliche Forschung in der Regel der Vorläufer für die tatsächliche Umsetzung von Innovationen ist, gehen wir davon aus, dass auch zukünftig immer mehr Innovationen aus China kommen werden.

? Beim Thema E-Mobilität kommt man nicht an Tesla vorbei. Die haben ganz offensichtlich einen disruptiven Wandel angestoßen. Wie haben sie das hinbekommen?

! Tesla hatte vor allem den Mut, gänzlich neue Lösungswege einzuschlagen und diesen Weg unbeirrt zu verfolgen. Es geht hierbei also weniger um die ingenieurswissenschaftlichen Fähigkeiten, sondern stärker um die Innovationskultur im Unternehmen.

? Wo siehst du die Stärken, wo die Schwächen bei Tesla?

! Tesla hat Elektrofahrzeuge erfolgreich umgesetzt, die tatsächlich den Automobilmarkt aufgerüttelt haben. Dabei haben sie auch unkonventionelle oder mutige Entscheidungen getroffen, beispielsweise, indem sie sämtliche Instrumente in einem zentralen Screen vereint haben oder sehr früh Möglichkeiten für autonome Fahrmodi geschaffen haben. Nichtsdestotrotz steht im Fokus unserer Betrachtungen immer die Innovationseffizienz eines Unternehmens. Das heißt, wie gut gelingt es dem Unternehmen, vielfältige Innovationsaufwendungen tatsächlich in monetär messbare Innovationsergebnisse umzuwandeln. Hierbei sehen wir, dass beispielsweise die aktuelle Bewertung von Tesla noch deutlich von dem tatsächlich monetär messbaren Ergebnis entfernt ist.
? Noch mal kurz etwas anderes: Aus Nachhaltigkeitsgründen fordern nicht wenige die Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene. Wie siehst du das?
! Wie bereits erläutert, ist für ein nachhaltiges Mobilitätskonzept die Kombination verschiedenster Technologien und Mobilitätslösungen wichtig. Auch Züge spielen dabei eine wichtige Rolle, gerade wenn es um den Transport von Waren geht. Auch im Bereich von Eisenbahnen sind immer wieder Innovationen festzustellen. Beispielhaft lässt sich hierbei die japanische East Japan Railway nennen, die an mit Brennstoffzellen betriebenen Zügen arbeitet, neue Energiespeicherlösungen mittels sogenannter Schwungräder oder auch neue Algorithmen entwickelt, um die Fahrweise der Züge noch energieeffizienter zu gestalten.

? Wann hebt die Personenbeförderung ab? Stichwort: Flugtaxen, bemannte Drohnen… Oder ist das nur Spielerei, die wir in kommenden Jahrzehnten nicht wirklich massentauglich erwarten können?

! Die Verwendung von Drohnen hat sicherlich auch ihren Stellenwert in Mobilitätskonzepten für die Zukunft. Ich selbst saß bereits vor drei Jahren in einem Volocopter – allerdings ohne Flugbetrieb. Die Entwicklung von Flugdrohnen ist wirklich rasant vorangegangen in den letzten Jahren, auch wenn noch einige Tests notwendig sind, bis viele Menschen sich wohlfühlen werden, sich in eine gegebenenfalls autonom fliegende Drohen zu setzen. Die Vorteile liegen aber auf der Hand: Gerade in Großstädten können Staus auf typischen Strecken wie Flughafen – Innenstadt umgangen und entschärft werden. Auch für die Lieferung von Waren in kleineren Mengen in entlegene Gebiete bieten Drohen viele Vorteile.

? Zum Abschluss noch einmal zurück zu deiner Ausgangsthese: Können deutsche Automobilunternehmen überhaupt noch die Kurve kriegen?

! Ja, das ist durchaus möglich. Wir haben in unseren empirischen Studien festgestellt, dass Innovatoren gerade in Krisenzeiten besonders stark in ihre Innovationsaktivitäten investieren, um durch neue Produkte, neue Dienstleistungen und verbesserte Prozesse der Krise zu entkommen. Das heißt gerade die jetzige Situation sollten die deutschen Autobauer nutzen, um sich komplett auf Innovation zu fokussieren.


Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Ausgabe 10 des T&Emagazin.

Einzelhefte, 5, 10 oder 20 Exemplare zum Weiterverteilen und Auslegen können zu kostendeckenden geringen Aufpreisen vorbestellt werden.

Zudem kann die Community-Zeitschrift auch – gegen 20 Euro für Porto und Versandkosten für ein ganzes Jahr abonniert werden.

Weitere Themen der Ausgabe sind:

Tesla Welt – News des Quartals
Tesla Reparaturkosten
Model 3 Dämmung
Body Shops
Tesla – Einbau eines Frunklifts
Tesla Fahrer und Freunde (TFF) e.V.
Tesla Owners Club Helvetia (TOCH)
Die Tesla-Fahrlehrerin Halide Studer
Wie lange dauert das Laden?
Model X mit Anhänger im Winter
Anhänger am Elektroauto?
Übernachten im Elektroauto
Car Maniac E-Auto-Test
T&Etalk Rückblick: Zukunft, Verkehrswende, Klimawandel
T&Etalk Rückblick: Nachhaltig Investieren
Virtuelles M3T 2021
Innovator – Klaus Schäfer (Tesla-Klaus)
Elon Musks Satelliten-Internet Starlink
Erster Elektroauto-Reiseführer
Tesla und Bitcoin


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