MG Marvel R: Edle Mittelklasse zum “günstigen” Preis?

Foto: MG Motor
Foto: Christopher Karatsonyi
Günstig oder nicht günstig – das ist hier die Frage. Mit dem MG Marvel R stellt sich einmal mehr die Frage, was eigentlich beim Elektroauto noch als günstig gilt und was teuer ist.
 
Fakt ist aber, dass er mit 42.000 Euro Grundpreis eher im unteren Bereich angesiedelt ist, auch wenn das hart klingt für viele, die als Geringverdiener gelten. In meinem Kommentaren heißt es dann oft: “Geringverdiener sollten dann keine Neuwagen kaufen”.
 
Naja, harte Worte mit einem gewissen Wahrheitsgehalt. Fakt ist aber auch, dass natürlich trotz Umweltprämie knappe 45.000 Euro mit Luxury Line nicht wenig Geld sind, denn was ist mit der Zeit danach? Also, nach der Umweltprämie?
 
Ich finde, auch hier muss sich ein Elektroauto beweisen können. Zu den Daten: den MG Marvel gibt es nur in zwei Varianten. Denkbar einfach zu konfigurieren ähnlich wie bei Tesla. Den mit Heckantrieb, der automatisch Luxury Line hat, sowie den mit Allrad, der dann Performance heißt. Der Unterschied: der kleine hat 180 PS, der große 288. Und auch wenn einige Dinge tatsächlich Kompromisse bedeuten, bringt der Wagen doch überraschende Eigenschaften. So hat er zwei Gänge in beiden Varianten. Das ist ziemlich ungewöhnlich in dieser Klasse und auch der Grund dafür, dass dieses Auto in seiner Klasse als einziger 200 km/h Höchstgeschwindigkeit schafft. Dass dies nicht empfohlen ist – dazu später mehr.
 
70 kWh Akku Größe ist für beide Varianten der Anfang und das Ende. Der größte Clue besteht darin, dass man bei diesem Chinesen, mit deutschen und britischen Genen, die Akkuheizung manuell hinzuschalten kann. Der Vorteil: wenn man städtisch fährt und nicht laden will, deaktiviert man es. So wird keine Energie zum Vorheizen des Akkus verschwendet und wenn man die Funktion braucht, schaltet man sie an und profitiert von besseren Ladezeiten. Worst-Case-Szenario sind hier 45 Minuten mit kaltem Akku und Best-Case sind knapp 30 Minuten. 92 kW maximale Ladeleistung und ein stabiles Plateau sind hierfür verantwortlich.
 
Die Optik ist typisch MG. Wobei man bei dieser Marke von typisch nicht sprechen kann, denn sie war gefühlt ein ganzes Jahrzehnt von der Bildfläche verschwunden, wenn nicht sogar länger. Mit typisch meine ich, dass der Wagen sich wieder stark differenziert zu ähnlichen Fahrzeugen, zum Beispiel aus dem Hause Volkswagen. Also, ein etwas eleganteres und auch auffälliges Design, aber keinesfalls prollig.
 
Das Cockpit ist wirklich gut verarbeitet und zeigt Lederoptik in fast jeder Ecke. Metallleisten runden dieses Paket noch einmal ab. Die Sitze sind sehr bequem und es hat sich auch herausgestellt, dass die Langstreckentauglichkeit in Sachen Komfort auf der Strecke von München nach Frankfurt wirklich extrem gut ist. Die Akustik ebenso. Den Assistenzsystemen kann man eigentlich auch eine relativ gute Note geben. Bis auf den Notfall-Spurassistent: Dieser korrigiert so heftig, wenn man die Spur verlässt, dass es so aussieht, als würde man das Lenkrad herumreißen. Deaktivieren kann ich hier nur empfehlen.
 
Foto: MG Motor
Wer mit Familie unterwegs ist, sollte sich auf zwei Dinge einstellen: hinten gibt es keine Sitzheizung, während vorne die Sitzheizung und die Sitzbelüftung gleichzeitig aktiviert werden können. Zweiklassengesellschaft, wenn man auf lustige Art und Weise gehässig sein möchte. Aber auch darauf muss man sich einstellen, dass eine Strecke von München nach Frankfurt nicht in einem Aufwasch möglich sein wird, außer man fährt definitiv unter 140 kmh. Will man aber 140 fahren, was auf dieser Autobahn sehr einladend ist – da oft frei – wird der erste Ladevorgang nach knapp 220 km stattfinden und ein letzter kurz vor dem Ziel, welches 426 km vom Startpunkt entfernt ist. Das ist jetzt natürlich nicht die Langstrecken-Qualität, die sich der Hersteller wahrscheinlich in der Kommunikation wünscht. Aber Fakten sind nun mal Fakten.
 
Für den städtischen Verkehr als Alltags Mini-SUV ist dieses Fahrzeug sicherlich sehr gut geeignet, wenngleich der 350L große Kofferraum nicht als groß betitelt werden kann. Dafür gibt es aber 150l vorne unter der Motorhaube, sofern man sich für die Heckmotor-Variante entscheidet. Der Performance, mit übrigens drei Motoren, und den bereits erwähnten 288 PS, hat vorne gar keine Aufbewahrungsmöglichkeit. Also eine Familie mit einem Kind okay, mehr wird aber wahrscheinlich an den täglichen Bedürfnissen scheitern.
 
Innerstädtisch lässt er sich auch bei 0 Grad mit 16 bis 20 kWh im Durchschnitt fahren. Abschaltbare Batterieheizung lässt grüßen. Auch wenn ihn viele in den Kommentaren als “chinesisches Kommunisten-Auto” betiteln, ist es ja doch eine gute Alternative zum Einheitsbrei aus Deutschland. Man muss nur mit den Kompromissen leben können wie zum Beispiel dem größten Problem an dem Auto, nämlich der mangelnden Ladeplanung für die Langstrecke. Macht er einfach nicht, er navigiert wie Google Maps und fertig. Wobei man bei den genannten Parametern sowieso nicht allzu oft lange Strecken fahren sollte.
 
Das zweite Problem sehe ich in der Verriegelung der Ladepistole beim Laden. Aktuell muss bei diesem Fahrzeug der Ladestecker angesteckt werden, der Wagen zugesperrt und dann die Säule aktiviert werden. Macht man das nicht, startet der Ladevorgang nicht. Und noch viel schlimmer: der Wagen muss während des kompletten Ladevorgangs verschlossen bleiben, denn öffnet man ihn, unterbricht er. Das ist nicht gerade eine einladende Eigenschaft für kalte Tage, weil man ja draußen stehen bleiben muss. Die Reihenfolge der Ladeschritte ist ungünstig.
 
Es bleibt nur zu hoffen, dass dies ein Fehler ist, der seitens des Herstellers noch behoben wird. Ebenfalls als Kompromiss würde ich das sehr langsam reagierende Display betiteln, auf das man schon mal gerne dreimal drauf drücken muss damit eine Reaktion stattfindet. Aber die aktivierbare Batterieheizung finde ich super, genauso wie die Platzverhältnisse vorne, den Komfort und die Innenraum-Anmutung, sowie auch das Außendesign. Das Navigationssystem antwortet zwar in komischem Deutsch, aber das kann ja auch noch geändert werden seitens des Herstellers. 7,9 Sekunden braucht der Heckler von 0 auf 100 und 4,9 die Performance Variante. Zumindest einen Blick wert ist das Fahrzeug für all diejenigen, die bereit sind, um die 36000 € – Umweltprämie bereits abgezogen – für ein Auto auszugeben.
 
Und dann bleibt final nach wie vor die Frage: günstig oder nicht günstig? Beziehungsweise: geht ein erschwinglicher Preis automatisch mit zu großen Kompromissen einher, oder sind wir einfach gewohnt, andauernd an allem herum zu meckern? Das muss jeder für sich selber entscheiden.
Foto: Christopher Karatsonyi

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In Ausgabe 13 des T&Emagazin, die seit dem 15. Januar 2022 erhältlich ist, erscheinen viele weitere E-Auto Neuheiten und auch vollständige Car Maniac Autotests.

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Die Themen der Ausgabe 13:

  • Vom „Ob“ zum „Wie“ 
  • Tesla Welt – News des Quartals 
  • Tesla – Gigafactory 4
  • Tesla – Elon Musk beim Gigafest
  • Tesla – Stammtisch bei Clubhouse   
  • Tesla – 4 abgefahrene Gründe, Tesla zu fahren  
  • Die Herausgeber – Tesla Owners Club Helvetia (TOCH)    
  • Die Herausgeber – Tesla Fahrer und Freunde (TFF) e.V.    
  • S3XY CARS Community – Weltgrößtes E-Auto-Treffen    
  • Elektroauto Guru – Als Wohnungsmieter das E-Auto laden   
  • Elektromobilität – Im Winter & im Pannenfall    
  • Elektromobilität – 12 Volt Batterie     
  • Elektromobilität – Car Maniac E-Auto-Tests    
  • Elektromobilität – Gebrauchte Elektroautos   
  • Elektromobilität – Elektrische Quads    
  • Innovator – Norbert Zajacs größtes Zoogeschäft der Welt   
  • T&Etalk – Rückblick: Junge Menschen, Zukunft und E-Mobilität    
  • T&Etalk – Rückblick: Giga 4    
  • T&Etalk – Rückblick: E-Auto vs. Bus & Bahn   
  • T&Etalk – Rückblick: Die Liebe zum Tesla    
  • T&Etalk – Rückblick: Ökostrom selber erzeugen & vermarkten   
  • T&Etalk – Ausblick: Aktien zu E-Mobilität & Energie    
  • Technophilosoph – Ohne Börsenhype keine Elektroautozukunft?    
  • Wirtschaft – Connected Car: Tesla, IT-Sicherheit & Datenschutz    
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