Hybrid vs. vollelekritisch

Ein Kommentar von Timo Schadt

Opel Corsa Heck
Opel Corsa-e. Foto: Youness Schadt

Die Elektromobilität ist nicht aufzuhalten. Die Autoindustrie weiß das und reagiert mit immer mehr vollelektrischen Fahrzeugen in der Pipeline. Wie die jüngsten Zulassungszahlen in Deutschland zeigen, mit Erfolg: E-Autos sind im Kommen. Vor allem aber boomen sogenannte Hybrid-Fahrzeuge. Woran liegt es?

Offensichtlich trauen die Verbraucher der E-Mobilität noch nicht in Gänze. Reichweiten-Angst mag da eine Rolle spielen und natürlich, dass den Menschen lang genug suggeriert wurde, das vollelektrische Fahrzeuge noch nicht das Gelbe vom Ei sind, gar von ihnen Gefahr ausgeht und sie viel zu teuer seien.

Das ist Paradox. Denn Hybrid-Fahrzeuge sind, da in ihnen mehr Technik steckt, logischerweise weitaus anfälliger als vollelektrische und müssten auch teurer sein. Batterien sind in allen drin – auch in Wasserstoff-Autos, die für manche ja die universelle Zukunft darstellen. Auch dank BAFA-Zuschuss wächst der Marktanteil der Pkw mit technologischer Mischform aus Batterie und Verbrennungsmotor deutlich. Zumindest in totalen Zahlen gegenüber vollelektrischen Modellen.

Hybrid zu fahren, kann als „Einstiegsdroge“ sinnvoll sein. Menschen verlieren in der Praxis die Scheu vor der E-Mobilität und, was noch viel wichtiger ist: Sie machen die positive Erfahrung, wie angenehm die Phase ist, bis der Verbrennungsmotor anspringt und Gestank und Lärm einsetzen.

Viele ärgern sich dann, denn der Hybrid kommt mit dem Akku meist nicht weit und ist nur anfänglich und lokal emissionsfrei.

Die Kehrseite ist, dass nunmehr verstärkt Plugin-Hybrid-Fahrzeuge die raren Ladesäulen “verstopfen”, die hier nicht laden müssten, es aber logischerweise tun. In der Koexistenz sind jene, die nicht an die Tanksäule ausweichen können, selbstverständlich die Gelackmeierten. Und wer will es den Hybridfahrern auch verübeln, wenn sie aus Kostengründen oder um die Vorzüge des elektrischen Fahrens guten Gewissens nutzen zu können, für ausreichend Akkuladung sorgen.

Die Zulassungszahlen werden natürlich auch davon beeinflusst, wie viele vollelektrische Pkw verfügbar sind. Volkswagen baut derzeit riesige Halden vorbestellter ID.3, auf die noch Software gespielt werden muss, bevor sie an die Kunden ausgeliefert werden können. Tesla war in den letzten Monaten darauf projiziert, die Nachfrage in den Herstellungsländern USA und China zu befriedigen, konnten doch Corona-bedingt weniger Fahrzeuge vom Band laufen. Erst im September wird durch Schiffsladungen aus Amerika der europäische Markt wieder beliefert.

Die Nachfrage nach den anderen Fabrikaten hatten die Hersteller wohl – das ganze mal positiv interpretiert – unterschätzt. Denn es gibt schlicht nicht ausreichend Exemplare der für 2020 angekündigten neuen Modelle. Die Vorbestellungen sind jedenfalls in der Regel höher als die vorhandenen Autos.

Elektro-Autos sind zudem nach wie vor auf den ersten Blick teuer. Trotz öffentlicher Förderung der vollelektrischen Fahrzeuge werden die geringeren laufenden Kosten, wie die Ersparnis an Steuern und im Tank- beziehungsweise Ladebetrieb, offensichtlich kaum berücksichtigt. Und die Hersteller sind von der Marktlage her auch nicht dazu gezwungen, zu wirklich attraktiven Preisen zu liefern. Die Mitbewerber aus China sind noch nicht am europäischen Markt sichtbar. Das dürfte aber demnächst anders werden. Die Preise, auch der nicht asiatischen Hersteller, werden sich dann ändern. Das, was aus China kommt, ist kein Schrott, sondern eine hohe Verarbeitungsqualität gepaart mit toller Technik.

Unterm Strich muss die aktuelle Situation als wirkliche Momentaufnahme gewertet werden. Schon bald sieht es auf unseren Straßen anders aus. Die Preispolitik wird sich unweigerlich am größeren Angebot ausrichten. Das wird sich aber voraussichtlich erst im kommenden Jahr so richtig ändern. Wenn es dabei bleibt, wie es die Politik vorgesehen hat, zum bis Juli gewohnten Mehrwertsteuersatz. Schade für die Kunden. Die Marktlage ist somit eine indirekte Förderung der Verbrenner. Gut, dass sich dann wenigstens auch Hybridfahrzeuge auf den Weg machen können. Aber weiterhin gilt: Die Elektromobilität ist nicht aufzuhalten.

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