Darmstadt, Toulouse reloaded

Viele Grüße aus Darmstadt, dem neuen Toulouse.

Dieses Jahr war zu lesen, dass Frankfurt ein Klima aushalten muss, was dem früheren Klima von Toulouse entspricht. Damit wird Südfrankreich in dieser Gegend möglich, ohne ein Wort Französisch lernen zu müssen. Endlich? In Darmstadt sieht es bereits so aus, alle Rasenfläche sind komplett braun und wirken tot, die meisten Bäume noch grün, wie man das aus Urlauben im Mittelmeerraum kennt. Angerichtet haben dies 95 Sommertage über 25 Grad, davon 43 Tage mit 30 Grad und mehr sowie einer Spitze von 38,1 Grad. Immerhin wälzten wir uns im Bett nur durch sieben sogenannte Tropennächte mit 20 Grad und mehr. Nur 25 Millimeter Regen in Juli und August waren schnell verdampft. Die Bäche in der Umgebung sind seit zwei Monaten ausgetrocknet. Grundwasserneubildung? Null. Gemessen werden die Temperaturen abseits der Flächen, wo sich die meisten Menschen aufhalten, am Stadtrand in kleinen, weißen, belüfteten Kästen, zwei Meter über dem Boden, der aus Gras besteht. In den Innenstädten sind locker fünf bis acht Grad mehr auszuhalten.

Foto: Youness Schadt

Immerhin, wir haben noch nicht das Klima von Sevilla in Südspanien: dieses Jahr bisher 120 Tage über 30 Grad, davon 26 Tage über 40, nur 8 Millimeter Regen in den letzten vier Monaten. Das sind Wüstenwerte. In Europa.

Die Trockenheit dieses Jahr wäre als Einzelfall von Menschen und Natur auszuhalten, wären da nicht die Trockenjahre 2018 und 2019 und weitere andere heiße Jahre in den letzten 20 Jahren. Die direkten Wirkungen lassen sich neben den trockenen Parks und Feldern überall beobachten. Die Flüsse führen sehr wenig Wasser, Bäche und Quellen versiegen, die Wirtschaftswälder vertrocknen in großem Umfang, der Hitzestress belastet viele Menschen, Tiere und Pflanzen, die Landwirtschaft leidet an Ernteeinbußen. Diese Phänomene führen im nächsten Schritt zu stark eingeschränkten Transportkapazitäten auf den Flüssen, einer höheren Schadstofflast in Fließgewässern, zu Borkenkäfer befall und Bränden in den Wäldern, zu mehr Hitzetoten, höheren Gesundheitskosten und geringerer Leistungsfähigkeit unter den Menschen. Direkt oder indirekt resultieren daraus höhere Kosten und Preise. Die Hitze heizt auch der Inflation ein. Hier und da, wo Trinkwasser aus Flusswasser gewonnen wird, wird sich auch mit einem Zeitverzug die Trinkwasserqualität verschlechtern.

Was zu tun ist, ist seit langem bekannt: den Klimawandel bremsen durch Energie sparen, regenerative Energien nutzen, Mobilität auf mehr Bahn, Bus und Rad lenken, den Konsum reduzieren, sich vom ewigen Wachstumsgesetz verabschieden. Wachsen muss das lebenswerte Leben, nicht die verbrauchte Gütermenge. All das wird aber aus Toulouse nicht wieder Darmstadt machen, wir werden uns an das heißere und trockenere Sommerklima anpassen müssen. Da die Städte nicht neu gebaut werden können, werden wir nicht die südeuropäischen Gassen erhalten, die voller kühler Schatten sind. Dennoch, überall, wo es möglich ist, kann Schatten geschaffen werden: durch Bäume, Vordächer und Wandbegrünungen. In Deutschland sind alle Straßen komplett mit Autos vollgeparkt, also gehört jeder dritte Parkplatz durch einen Baum ersetzt. Viele Fassaden und Dächer müssen begrünt werden, Solarzellen können alle Flachdächer beschatten. Betonierte und mit Steinen verschüttete Flächen gehören durch Grünflächen ersetzt. Straßen, Plätze und Wege müssen heller werden, um die Reflexion zu erhöhen. Denn Klimaanlagen lösen das Problem nicht, sie produzieren neue Wärme, welche die Städte aufheizen, und sie verbrauchen viel Energie. Auch der Ersatz der Unmengen an Verbrenner-Autos durch E-Autos löst es nicht wirklich, denn die dafür notwendige Straßen- und Stellfläche heizt die Städte weiterhin auf.

Die Niederschläge verändern sich auf das ganze Jahr gerechnet kaum, sie nehmen im Sommer zwar rapide ab, aber im Winter in der Tendenz zu. Das Winterwasser muss daher viel stärker ins Grundwasser gelangen und nicht abfließen wie bisher. Abflussspitzen in Herbst, Winter und Frühjahr müssen in den Städten von den Dächern in Versickerungsflächen geleitet werden, an den Flüssen selbst muss das Wasser auf im Winter brachliegende Flächen verteilt werden, um versickern zu können. Zudem gilt es, die Trinkwasserverschwendung zu beenden. Jeder Liter eingespartes Trinkwasser wird nicht dem Grundwasser entzogen.

Foto: Peter Schilg

In der Landwirtschaft muss weniger und gezielter bewässert werden als bisher. Wasser ist zu billig, deshalb wird es in großen Mengen und in der Mittagshitze auf Futterpflanzen wie Mais gegossen. Das alles bei stark sinkendem Grundwasserspiegel. Länder wie Israel sind da wesentlich weiter, und das seit Jahrzehnten. Der Hitzestress der letzten Jahre lässt Bauern, die auf der Höhe der Zeit sind, auch bereits über andere Ackerpflanzen und Anbaumethoden nachdenken. Zudem stellt sich heraus, dass seit Jahren biologisch bewirtschaftete Flächen durch ihre deutlich bessere Bodenstruktur nicht so stark und schnell austrocknen wir konventionell bewirtschaftete Flächen. Mehr Feldhecken bremsen zudem den Wind und spenden Schatten.

Und der Wald? Die Fichte, die kälteresistent ist und viel Regen braucht, und die man früher aus höheren in die tieferen Lagen geholt hat, wird unterhalb 800 Metern wieder verschwinden. Die urwaldnahen Laubbaumflächen haben dagegen die Hitze bislang gut überstanden, es sind aber nur sehr kleine Flächen. Die Strategien werden somit in Richtung Urwald und südeuropäische Baumarten gehen müssen, wenn sie auch Kälte ertragen. Für die Trinkwassersicherung wird es in einigen Gegenden auch noch mehr Waldfläche brauchen.

Menschen leiden unter Hitzestress, besonders im Alter. Sie sind früher in den Süden gezogen, ins Allgäu oder an den Bodensee, sie werden in Zukunft in den Norden ziehen. Zehn Hitzetage statt vierzig, das ist schon besser auszuhalten. Darmstadt wird dagegen noch heißer werden, doch einen Unterschied hat es zu Toulouse immer noch, es ist zu drei Vierteln von Wald umgeben, noch!

 


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